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Jörg Armbrusters Bericht aus Syrien : Eine Kindheit im Krieg

Einen ersten Teil von Jörg Armbrusters Syrien-Reportage hat die ARD am frühen Sonntagabend im „Weltspiegel“ gesendet Bild: dpa

Jörg Armbruster begleitete in Aleppo Kinder mit der Kamera. Kurz darauf wurde der Journalist schwer verwundet. Die ARD zeigte jetzt erstmals einen Teil seiner Aufnahmen aus der umkämpften Stadt.

          Als der Fahrer des grauen Minibusses einen Kreisverkehr ansteuerte und den Wagen verlangsamte, krachten Schüsse. Das Fahrzeug wurde im von Rebellen kontrollierten Gebiet offenbar von Scharfschützen gezielt unter Feuer genommen, Jörg Armbruster von mehreren Kugeln getroffen und schwer verletzt.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Armbruster, ehemals ARD-Korrespondent für die Arabische Welt, war in der nordsyrischen Stadt Aleppo mit Kollegen unterwegs, um für einen längerern Beitrag zu recherchieren. Er wurde in Aleppo notoperiert, dann über die Türkei außer Landes gebracht und im türkischen Gaziantep weiterbehandelt. Anschließend flog man den Fünfundsechzigjährigen nach Stuttgart aus, wo er momentan im Krankenhaus liegt. Kurz vor dem Anschlag hatte Armbruster eine Mädchenschule in Aleppo besucht.

          Die ARD zeigte nun am frühen Sonntagsabend im „Welspiegel“ einen Teil des von Armbruster gesammelten Materials, eine Kollegin des langjährigen Korrespondenten hat die Szenen ausgewählt. „Syrien: Die Kinder des Krieges“, heißt der etwa fünfminütige Beitrag. Es ist ein ergreifender Bericht über Kinder mitten im Bürgerkrieg. Bilder aus Aleppo sind darin zu sehen. Bilder aus einer zerstörten Stadt. Vor Schuttbergen, die wohl früher mal Häuser waren, spielen Kinder. Keines von ihnen, heißt es in dem Beitrag, gehe mehr zur Schule. „Sie überleben, irgendwie“. Viele arbeiten, schleppen Wasser, nähen in einer Textilfabrik, denn die Erwachsenen sind geflohen oder im Krieg.

          Zwei Jahre Bürgerkrieg und kein Ende in Sicht

          Im Beitrag wird ein Vater gezeigt, der umgeben von seinen Kindern in seiner Wohnung sitzt, angelehnt an einer kahlen Wand. Als er anfängt zu erzählen kracht ein Schuss. Das Mädchen neben ihm zuckt mit dem ganzen Körper vor Schreck zusammen. Im vergangenen Monat sind mindestens 300 Kinder in Syrien im Krieg gestorben, am vergangenen Samstag allein in Aleppo bei einem Bombenangriff neun Kinder umgekommen. Seit März 2011, seit über zwei Jahren also, wird in Syrien gekämpft.

          Eine wieder neu eröffnette Schule ist zu sehen. „Irgendwo im Norden“, heißt es in dem Beitrag. Vormittags werden dort Mädchen unterrichtet, nachmittags Jungen. Die Schule liegt in einem Gebiet, das von Rebellen kontrolliert wird. Doch viele Menschen scheinen diese nicht nur als Befreier wahrzunehmen, sondern auch als Bedrohung. Schließlich zieht eine eine Befreiung der Gebiete den Beschuss durch die Regierungstruppen nach sich. „Wir leben immer in Angst“, sagt ein Mädchen.

          Eine Kindheit zwischen den Fronten

          Dann sind Bilder aus einer Stadt 50 Kilometer nördlich von Aleppo zu sehen. Ein Mädchen, vielleicht vier, fünf Jahre alt, liegt blutverschmiert und mit nacktem Oberkörper auf einem Tisch und wird operiert. Es schaut mit großen ernsten Augen in die Kamera, während seine Wunden versorgen werden. Das Kind sei beim Fahradfahren zusammen mit Freunden von Granatsplittern getroffen worden, heißt es aus dem Off.

          Nur die Folgen der Kämpfe sind in dem Beitrag zu sehen, keine Kriegsszenen. Zumeist herrscht Ruhe, mitten im Krieg. Die Kinder reden ernst und oft zynisch über die Situation. „Keine Seite wird eine Lösung bringen“, sagt ein Mädchen. Weder die Regierung noch die Rebellen wären bereit nachzugeben. „Wir sitzen dazwischen.“

          Armbruster ist in der Reportage nie zu sehen. Es ist ein Beitrag, als sei dem Journalisten nichts passiert. Wäre nicht in der Anmoderation auf den Anschlag verwiesen worden und hätte nicht der Moderator am Schluss des Beitrags im Namen der Redaktion dem verwundeten Kollegen alles Gute gewünscht.

          In Syrien sind seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs nach Angaben von Reporter ohne Grenzen 23 Journalisten und 58 Blogger ums Leben gekommen. Syrien gehört damit nach Angaben der Nichtregierungsorganisation zu den gefährlichsten Ländern für Journalisten weltweit.
          Armbruster will die Dokumentation fertigstellen

          Jörg Armbruster hatte bis Januar 2013 mehrere Jahre lang als ARD-Korrespondent aus Kairo über die Arabische Welt berichtet und die Aufstände zunächst in Tunesien, Ägypten und dann Syrien begleitet. Anfang des Jahres ging er in den Ruhestand, um jedoch für ein große Reportage gleich wieder in die Region zu reisen: „Zwischen Krieg und Frieden – der neue Nahe Osten“ sollte die ARD-Dokumentation heißen.

          Ob diese fertiggestellt wird und wann somit weiteres Material Armbrusters aus der Region gezeigt wird, ist noch unklar. Vom Krankenhaus in Stuttgart hatte sich der Journalist bereits Mitte vergangene Woche zu Wort gemeldet. Ihm gehe es denn Umständen entsprechend gut, sagte er. „Wenn alles gut geht, möchte ich das Filmprojekt über den Nahen Osten gerne zu Ende führen.“

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