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Jochen Breyer im Gespräch : „Der Fußball-Fan in mir ist ziemlich sauer“

  • -Aktualisiert am

Jochen Breyer bei den Dreharbeiten zur Dokumentation „Geheimsache Katar“ in Doha. Bild: ZDF und Mateusz Smolka

Der Journalist und Sportmoderator Jochen Breyer im Gespräch über die schwierigen Bedingungen für eine kritische Berichterstattung bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Qatar.

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          Herr Breyer, hatten Sie bei der Weltmeisterschaft in Qatar eigentlich den Spielraum zu sagen: Nein, da fahre ich nicht hin?

          Den hätte ich selbstverständlich gehabt. Aber ich bin als Journalist nicht dazu da, ein Event zu boykottieren, sondern ich bin dazu da, die Hintergründe zu beleuchten. Deswegen war ich in diesem Jahr auch zweimal dort, um mir selbst ein Bild zu machen.

          Wie frei konnten Sie denn da recherchieren?

          Nicht wirklich frei. Wir hatten stets einen Vertreter des Organisationskomitees an unserer Seite, der entscheiden konnte, was wir drehen dürfen und was nicht. Wir konnten uns dort auch nicht ganz frei bewegen, etwa Straßenszenen filmen. Schon im Vorfeld wurde uns gesagt, dass alles, was in Doha passiert, überwacht wird.

          Wie muss man sich das vorstellen?

          Nehmen wir als Beispiel das Msheireb-Viertel im Zentrum von Doha – das hat 25 000 Einwohner, und in den Straßen hängen 10 000 Kameras. Das heißt, alles, was wir dort taten, wurde beobachtet. Ab und zu haben wir mal probiert, unsere Kamera auszupacken und einfach das Leben auf der Straße zu filmen. Nach spätestens anderthalb Minuten war ein Sicherheitsbeamter da, der uns ansprach und sagte: Ihr dürft hier nicht drehen. Wir haben euch über die Kameras gesehen.

          „Es muss auch während des Turniers weiter diskutiert werden“, sagt Breyer, dessen Qatar-Dokumentation am 8. November im ZDF ausgestrahlt wird.
          „Es muss auch während des Turniers weiter diskutiert werden“, sagt Breyer, dessen Qatar-Dokumentation am 8. November im ZDF ausgestrahlt wird. : Bild: ZDF und Mateusz Smolka

          Kann man dann überhaupt etwas von den Verhältnissen vor Ort mitkriegen?

          Uns wurde tatsächlich nur eine Fassade gezeigt, die glitzert und glänzt. Und wir sollten nicht hinter diese Fassade schauen. Was aber natürlich möglich war: in Interviews nachzufragen, nachzuforschen – und dabei haben wir schon auch hinter die Kulissen schauen können. Wir haben zum Beispiel mit Bürgerinnen und Bürgern von Qatar über Menschenrechte, Frauenrechte, Homosexuellenrechte diskutiert und sehr viel über die vorherrschende Sichtweise erfahren.

          Diese WM ist unter Fans sehr umstritten. Viele fürchten, dass die kritische Berichterstattung vergessen ist, wenn der Wettbewerb begonnen hat. Teilen Sie die Sorge?

          Ich bin nicht nur Sportjournalist, sondern auch großer Fußballfan. Und der Fußballfan in mir ist ziemlich sauer, dass er sich nicht uneingeschränkt auf diese WM freuen kann – weil die FIFA damals die Entscheidung gefällt hat, das Turnier nach Qatar zu vergeben, und Menschenrechtsfragen dabei keine Rolle gespielt haben. Dass die kritische Berichterstattung während des Turniers aufhört, glaube ich nicht. Wir Journalisten werden dafür verantwortlich sein, uns nicht vom rollenden Ball ablenken zu lassen. Es wird so wichtig wie wahrscheinlich noch nie, auch das zu beleuchten, was außerhalb des Spielfelds passiert.

          Machen Sie sich als Journalist nicht doch zum Komplizen der Show und des Veranstalters, auch wenn Sie noch so kritisch berichten?

          Nein. Eine Fußball-WM ist ein Ereignis, das weltweit große Aufmerksamkeit auf sich zieht und deshalb umfassende Berichterstattung auslöst – das wird ja in Ihrer Zeitung nicht anders sein. Nun könnte man argumentieren, dass wir als Öffentlich-Rechtliche das Turnier aber nicht live übertragen müssten. Doch durch diese Live-Berichterstattung werden wir viele Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer haben – und diese Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit können wir dann im Rahmen unserer Übertragungen auch auf die politischen Themen und auf die kritisierten Verhältnisse im WM-Austragungsland richten. Das ist unser Auftrag – und das werden wir auch tun. Denn es muss auch während des Turniers weiter diskutiert werden, das finde ich unerlässlich.

          Jochen Breyer in Doha.
          Jochen Breyer in Doha. : Bild: ZDF und Mateusz Smolka

          Was müsste denn folgen aus diesem Desaster? Jemand hat es so formuliert: Jubel auf Gräbern, weil beim Bau der Stadien Tausende von Arbeitern ums Leben gekommen sind?

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