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Netflix-Doku „Joan Didion“ : Das Leben schreibt keine Geschichten

Joan Didion, aufgenommen in den sechziger Jahren. Bild: Netflix

Ereignisse werden wahr, wenn wir wissen, wie sie sich anfühlten: Die Netflix-Dokumentation über Joan Didion, gedreht von ihrem Neffen, kommt der legendären Reporterin zuweilen beängstigend nahe.

          Der Film, der unter dem Titel „Joan Didion: The Center Will Not Hold“ bei Netflix abzurufen ist, sollte ursprünglich „We Tell Ourselves Stories in Order to Live“ heißen – ein umständlicher Titel (und wie der jetzige ein Didion-Zitat), der dennoch sagt, worum es im Werk von Joan Didion geht. Sie beschrieb ihr Leben, während wir unseres lebten, und selbst wenn wir nicht genauso alt wie sie oder an denselben Orten unterwegs waren, lasen wir noch Jahre später ihre Essays, als erzählten sie nicht von ihr und ihrer Zeit, sondern von uns und der unseren. Das Gefühl, das Verständnis unserer Zeit, das im Schreiben von Joan Didion seinen unverwechselbaren Ausdruck findet, wurde unseres durch ihre Texte: Texte, in denen sie klarmachte, dass die Vorlagen für die Geschichten, die wir uns erzählen, nicht mehr zu unserem Leben passen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Im Zentrum ihres Werks liegt eine ironische Melancholie, die vor einigen Jahren von Trauer und dem Gefühl unwiederbringlichen Verlusts abgelöst wurde, als ihr Mann und ihre Tochter in kurzem Abstand voneinander starben. Auch darüber hat sie geschrieben, in zwei Büchern, die sie einer neuen Generation bekannt machten, „The Year of Magical Thinking“ (2005) und „Blue Nights“ (2011). Joan Didion ist Reporterin, und mit dem Handwerkszeug der Reporterin hat sie auf ihre Verluste geblickt und berichtet, was sie sah. Vor allem, wie es sich anfühlte.

          Dass diese Frau, die schreibt, auch immer eine Frau gewesen ist, die einiger Glamour umgab, dass sie mit ihrer riesigen Sonnenbrille, den langen Röcken und weiten Pullovern einen Stil von Cool vorgab, der cool bis heute geblieben ist, dass sie für zwei oder drei Generationen von Journalistinnen und Schriftstellern Einfluss und Vorbild war, dass sie für „Celine“ Werbung machte, als sie bereits an die achtzig war, all das wird in dieser Dokumentation erwähnt und ist unübersehbar, nicht nur in den historischen Aufnahmen, sondern auch in denen von heute. Aber entscheidend bleibt auch in diesen Bildern etwas anderes. Ihre Wörter. Wie sie Sätze bildet. Wie sie Sätze mit anderen Sätzen verbindet. Wer ihre Bücher kennt, weiß es längst, wer diese Dokumentation sieht, wird es merken: Niemand schreibt wie Joan Didion. Was nicht heißt, es hätten nicht viele versucht.

          Ein Baby auf LSD

          Zeitgenossenschaft hat mit Joan Didion eine neue Bedeutung bekommen. Auch wer die sechziger Jahre vor allem aus Bildern, Songs, Filmen und Büchern kennt, weiß von ihr, wie sie sich anfühlten – die Tage und Nächte unter Drogen, die erst das Bewusstsein erweiterten, bevor sie die Leute ins Grab schickten, die Befreiung von Konventionen fast jeder Art und die Verluste und das Chaos, die damit einhergingen. Joan Didion beobachtete, wie die Welt sich durch ihre Generation veränderte. Die Hippies. Die Manson Family. Ein Baby auf LSD. Jim Morrison. Janis Joplin. Die Kennedys. Für sie waren die Rock-’n’-Roll-Leute der ideale Reportagegegenstand, weil sie, wie sie heute sagt, „ihr Leben geradewegs vor dir lebten“, öffentlich, schamlos auch. Was sie damit meint, sehen wir in ihrem Gesicht von heute, das sehr dünn, sehr durchsichtig scheint, wenn sie mit weit ausholender Armgeste sagt: „the horror of disorder“ – ein Zusammenbruch von Ordnung, auf den niemand eine Antwort hatte, auch die nicht, die ihn begrüßten.

          Ein Anfall von Höhenangst und Übelkeit, schrieb Joan Didion in „The White Album“, schien ihr keine unangemessene Reaktion auf die Ereignisse des Sommers 1968, eines Sommers, in dem sie in einem Hotelzimmer in Honolulu die Beerdigung von Robert Kennedy im Fernsehen sah, ebenso wie die ersten Bilder des Massakers von My Lai, in einer Zeitung davon las, dass eine Mutter ihr Baby auf dem Grünstreifen des Interstate 5 ausgesetzt hatte, und sie selbst von der „Los Angeles Times“ zur Woman of the Year ernannt wurde, gemeinsam mit Nancy Reagan, einer olympischen Schwimmerin und einer Reihe von Frauen, die Gutes taten.

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