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„Jewish Voice from Germany“ : Das Gewicht des Grauens

  • -Aktualisiert am

Es mangelte an Unterstützern: Die „Jewish Voice from Germany“ wird eingestellt. Bild: Picture-Alliance

Der Zwang zum Anzeigenhausieren überstieg zuletzt die Kräfte. Die im Jahr 2012 gegründete Zeitung „Jewish Voice from Germany“ wird eingestellt. Unvermeidbar war es nicht. Ein Gastbeitrag.

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          Die Einstellung der Quartalszeitung „Jewish Voice from Germany“ könnte der Beginn eines neuen Kapitels in den deutsch-jüdischen Beziehungen sein. Denn es ist an der Zeit, den Fokus auf ritualisierte Trauerveranstaltungen zu überwinden und stattdessen zu einem lebendigen Miteinander zu gelangen. Einstein, Liebermann, Leo Baeck, Tucholsky sind tot. „Biller, Broder, Brumlik, Seligmann, Wolffsohn und die anderen Meschuggenen“ sind schwierig. Doch das kennzeichnet alle Lebenden. Mit ihnen und vielen anderen gilt es sich auseinanderzusetzen, um unsere Gesellschaft zu vitalisieren. Die hiesige jüdische Gemeinschaft ist klein, doch ihre Empfindlichkeit ist groß. Sie taugt als Seismograph. Eine unabhängige jüdisch-deutsche Zeitung als Dialog-Forum ohnehin.

          Es lohnt daher, die Ursachen für das Erblühen der „Jewish Voice“ ebenso wie die ihres Scheiterns zu studieren. Die Idee war simpel: Die Juden sind seit zwei Jahrtausenden Teil dieser Gesellschaft. Die deutsch-jüdische Gemeinschaft hat selbst den Völkermord der Nazis überstanden. Das deutsche Judentum braucht eine unabhängige Stimme. Da diese weltweit wahrgenommen werden sollte, müsste sie in Englisch Gehör finden. So geschah es im Jahr 2012: Unser Auftritt, unsere Unvoreingenommenheit wurden allgemein begrüßt. Um Kosten zu sparen, produzierten wir die „Voice“ anfangs in unserer Wohnung. Ich verzichtete auf ein Honorar. Mitglieder unseres Beirats stellten Kontakte zu Unternehmen her, bei denen ich Inserate einwarb. Wir starteten mit einer Auflage von rund 30. 000 Exemplaren. Wir verschickten die Zeitung in alle Welt. Unter anderem an alle Mitglieder des amerikanischen Kongresses, der Parlamente Kanadas, der EU, Großbritanniens, Deutschlands, Israels. Hinzu kamen Gemeinden in Amerika, Journalisten, Hochschulen, Wirtschaftsführer. Ein Manager eines international agierenden Konzerns gab sich angetan: „Wenn es Ihre Zeitung nicht gäbe, ich müsste sie erfinden.“ Die Verantwortliche eines anderen Unternehmens erklärte: „Ob Ihre Gazette jüdisch ist oder nicht, spielt für uns keine Rolle. Sie produzieren eine lesenswerte Zeitung und sind international tätig. Das brauchen wir.“

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