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„Jenke. Crime“ auf Pro Sieben : Eine fragwürdige „Profilerin“

Suzanne Grieger-Langer bei einem Auftritt im Oktober 2019 in Regensburg Bild: Picture-Alliance

In der neuen True-Crime-Serie mit Jenke von Wilmsdorff bei Pro Sieben tritt eine „Profilerin“ auf, die laut eines Gerichtsurteils als „Hochstaplerin“ bezeichnet werden darf. Ein Kriminalist nennt sie „in höchstem Maße unseriös“.

          4 Min.

          Wie ist es möglich, dass ein junger Mann aus gutem Hause innerhalb kürzester Zeit zum Drogenbaron wird? Diese Frage steht am Anfang der ersten Folge von „Jenke. Crime“, einer Pro-Sieben-Serie über wahre Verbrechen mit Jenke von Wilmsdorff. Der Fernsehreporter ließ sich zuletzt für die Reihe „Jenke“ eine Gesichtshälfte verjüngen. Genauso unerschrocken und neugierig wie dem Schönheits-Versuch begegnet er dem heute 69 Jahre alten, früheren Drogenkriminellen Hubertus Becker und drei anderen Straftätern, die in den nächsten Folgen im Mittelpunkt stehen werden. Er will wissen, wie sich fünfzig Kilogramm Haschisch in einem Autotank verstecken lassen, und interessiert sich dafür, was Becker empfand, als sein dreijähriges Kind mit einem zusammengerollten Geldschein Kokain-Schniefen nachspielte.

          Leonie Feuerbach
          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Hubertus Becker, der 24 Jahre im Gefängnis verbracht hat, gibt von Wilmsdorff bereitwillig Auskunft. Er erzählt von dem Kumpel, der ihn fragte, ob er nicht etwas schnelles Geld mit einem kleinen Abenteuer verdienen wolle, den Familienessen mit den Haschischverkäufern in Marokko, den Partys mit der Schickeria von München und Ibiza, unter ihnen Brigitte Bardot und Gunter Sachs, aber auch vom sexuellen Missbrauch im Internat und dem Psychologen, der bei ihm eine narzisstische Störung diagnostizierte. Von Wilmsdorff redet mit der ehemaligen Frau des Verbrechers und mit seinem früheren Komplizen. In Kombination mit der Offenherzigkeit des Gangsters kann der Zuschauer sich ein detailliertes Bild von Hubertus Becker machen.

          Bei Pro Sieben scheint man aber der Meinung gewesen zu sein, das reiche nicht. Deshalb hat man von Wilmsdorff eine „Profilerin“ an die Seite gestellt, eine beliebte Figur im True-Crime-Genre. Suzanne Grieger-Langer, heißt es im Trailer, „kennt die Triebfedern des Verbrechens, versteht die Mechanismen, die ihnen zugrunde liegen“. Dafür fällt ihr Beitrag in der Sendung dann erstaunlich bescheiden aus. So sagt Grieger-Langer etwa, Becker kreise um sich selbst, seine schwere Kindheit entschuldige seine Verbrechen nicht und er habe weder als Mann noch als Vater Verantwortung übernommen. Die schwarzen Haare und Kleidung und der strenge Blick passen zum Crime-Genre, können von der Banalität ihrer Aussagen aber nicht ablenken.

          Charakterprofil „auf psychogenetischem Niveau“

          Wer ist diese Frau? Laut ihrer Internetseite arbeitete sie zunächst mit „Junkies“. Ein großes Unternehmen habe sie rekrutiert, um seine Führungskräfte ebenso „wieder in die Spur zu bringen“ wie die Suchtkranken. So sei sie zur Profilerin geworden, habe ein weltweites Netzwerk mit 150 Experten aufgebaut. Wer diese Experten sind, wollte sie in der Vergangenheit nicht verraten; in einem Interview erwähnt sie jemanden mit absolutem Gehör, der angeblich psychische Erkrankungen in der Stimme erkenne. Heute ist sie laut Selbstbeschreibung „Europas unangefochtene Profilingexpertin“ und in Wissenschaft, Wirtschaft und Kriminalistik tätig.

          Reporter Jenke von Wilmsdorff mit einem halbseitig operierten Gesicht
          Reporter Jenke von Wilmsdorff mit einem halbseitig operierten Gesicht : Bild: dpa

          Grieger-Langer gibt an, ein Charakterprofil „auf psychogenetischem Niveau“ erstellen zu können, angeblich ein psychologisches Äquivalent zur DNA. Als Grundlage für diese Behauptung nennt sie „Studien aus Japan“. Auf ihrer Internetseite führt sie zahlreiche Unternehmen als Kunden an. Recherchen des Haufe-Verlags ergaben, dass viele von ihnen bestreiten, mit ihr zusammengearbeitet zu haben. Auch ihre Behauptung, einen Studiengang für die Frankfurt School of Finance and Management entwickelt zu haben, wird von der Hochschule samt Unterlassungsantrag zurückgewiesen. Laut einem Urteil des Landgerichts Bielefeld von 2018 darf sie als „Profilerin mit Hang zur Lüge“ sowie als „Hochstaplerin“ bezeichnet werden. Es gibt viele weitere Urteile zu Grieger-Langer, denn sie geht beharrlich gegen kritische Berichterstattung vor.

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