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Jelineks „Faustin and out“ in Frankfurt : Witzeln und fritzeln

  • -Aktualisiert am

Zwei Gretinnen in einer Gelächterpause im Schreckenskerker: Sandra Gerling und Bettina Hoppe in „Faustin and out“, in Frankfurt inszeniert von Julia von Sell Bild: Birgit Hupfeld

Elfriede Jelinek stößt in ihrem Stück „Faustin and out“ in die Frauenlücken von Goethes Tragödie. Im Schauspiel Frankfurt wird daraus großes Kerker-Kabarett.

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          Es ist die Stunde vor Mitternacht. Die Geister können kommen. Gerne auch Geistinnen. Die Pop-Party ist zu Ende im Schauspiel Frankfurt. Die Zuschauer der Aufführung von Goethes „Faust I“ haben das Haus verlassen. Auf der leeren Bühne die leere Lounge-Kulisse des Hard-Rock-Cafés, in der Stefan Pucher der Tragödie ersten Teil verhampelt und versungen hat. Drei Viertel der Stuhlreihen im Zuschauerraum sind schwarz verhängt. Auf dem vorderen Viertel verliert sich ein wackeres Häuflein Spätguckberuferner. Darunter etliches Hausensemblevolk. Man kann das fast nicht Öffentlichkeit nennen. Es sind Geisterseher. Gerne auch Geistinnenseher.

          Denn zwei seltsam gespenstische Weiber tummeln sich dort auf der Bühne in giftfarbenen grün-rot-violetten Dirndlkleidern mit dicken Plastikschürzen. Man gibt die Textfläche „Faustin and out“ von Elfriede Jelinek. Die Autorin nennt es ein „Sekundärdrama“ und lässt es nur spielen, wenn es im Zusammenhang mit dem „Primärdrama“, also dem großen Klassiker, gezeigt wird, den sie „in einem gewissen Abstand umrunden“ möchte, weil sie sich „sonst an ihm verbrennen“ würde. Man dürfe nicht an ihm „ankommen“. Sie wolle sich in seine „Leerstellen hineinquetschen“. Die Leerquetsch- und im Falle der Jelinek immer auch die Leerquatschstelle ist naturgemäß die Frauenstelle.

          In Erinnerung an die Uraufführung

          Abgesehen davon, dass Jelinek eigentlich den rohen „Urfaust“ meint und man in Frankfurt also den falschen, den entwickelteren „Faust“ der Jelinek vorschaltet, demonstrieren wie schon in der Zürcher Uraufführung die Frauenstellen-Darstellerinnen (in Zürich waren es noch drei), dass „Faustin and out“ ein fabelhaftes Primärdrama ist. Es braucht Goethes „Faust“ nicht. Gerade dort nicht, wo es ihn zitiert.

          In Zürich kamen eine „Geistin“, eine „Gretin“, eine „Faustin“, gehüllt in Trenchcoats, aus dem Keller des Schauspielhauses, wo sie einen Teil des Jelinek-Textes exekutiert hatten (auf die große Bühne zum Teil per Video übertragen), gefolgt von dreißig ausgewählten Zuschauern (die Mehrzahl davon Kritiker, die man ebenfalls zwang, Trenchcoats anzuziehen), auf die große Bühne, wo Mephisto und Faust sich durch „Faust I und II“ alberten und von den Damen die Jelinek-Frauenhölle heißgemacht bekamen. Starke Weiber. Schwache Männchen. Die Weiber konnten für sich heißlaufen. Die Leerstellen füllten sich von allein. Die Männergießkannen waren dazu entbehrlich.

          In Frankfurt stehen gleich zwei starke Frauen für sich, souverän und witzig. Das Sekundärdrama spielt sich als Primärdrama an der Rampe ab. Dort stehen ein Mikrofon und ein Keyboard auf einem Gestell. Und davor die schrillen Dirndl-Geistinnen. Schon Henrike Johanna Jörissen als Gretchen im Frankfurter „Faust I“ war so tough, so schnieke, dass man ihr den Kerker, in dem sie am Ende denn auch nur als eine Art umrisshafter Fettfleck zurückblieb, nicht zutraute. Sie hätte wohl jeden Kerkermeister in Stücke gerockt.

          Die menschliche Seite der Ungeheuerlichkeit

          Bei der Jelinek ist Gretchens Kerker ersetzt durch Josef Fritzls Kerker. Das ist jener vierundsiebzigjährige Geschäftsmann aus dem österreichischen Amstetten, der seine Tochter vierundzwanzig Jahre in einem Keller unterm Einfamilienhaus gefangen hielt, sie notzüchtigte, wann immer es ihm gefiel, ihr sieben Kinder machte und eines davon sogar im Ofen verbrannte. Ihr Herr und Gott, „Allherhalter und Vorenthalter“, ihr Schöpfer, Vater, Mann, Diktator, der androhte, jeden Fluchtversuch mit Giftgas zu unterbinden. Menschenmacher und -vernichter. Ein Kerkerbaumeister als Weltzerstörer.

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