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Jeff Bezos' „Washington Post“ : Ein neuer Startplatz für die Zeitung

Neuer Baustein im Amazon-Universum: die Washington Post Bild: AP

Spötter unkten schon, der Amazon-Gründer wisse gar nicht, was er mit der von ihm erworbenen Zeitung anfangen solle. Jetzt wird bekannt: Die App der „Washington Post“ kommt auf alle Amazon-Lesegeräte.

          Als „The Everything Store“, Brad Stones Biographie von Jeff Bezos, vor einem Jahr in die Buchhandlungen kam, stellte MacKenzie Bezos, die Gattin des Biographierten, deren Romane nicht im Amazon-Eigenverlag, sondern unter dem ehrwürdigen New Yorker Dach von Knopf erscheinen, eine Rezension bei Amazon ein. Sie vergab an das Buch einen Stern von fünf möglichen, die schlechteste im Amazon-Kosmos vorgesehene Note.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Trotz dieser so gut wie offiziellen Missbilligung seiner Rechercheergebnisse hat Stone, ein Reporter der Zeitschrift „Bloomberg Businessweek“, offenbar nach wie vor gute Quellen in der Konzernzentrale des Internet-Versandhauses in Seattle. Er hat jetzt bekanntgemacht, dass auf dem Kindle Fire, dem Lese- und Fernsehguckgerät von Amazon, künftig eine App installiert sein soll, die Artikel und Fotos aus der „Washington Post“ im Stil einer Illustrierten aufbereitet.

          Möglicherweise hat Stone seine Informationen von allerhöchster Stelle bezogen. Es kann Bezos durchaus recht sein, dass die erste förmliche Kooperation zwischen dem Versandgiganten und der Hauptstadtzeitung, die nicht der Firma Amazon, sondern dem Privatmann Bezos gehört, gerade jetzt, noch im Planungsstadium, publik wird. Im August 2013 hatte Bezos der Verlegerfamilie Graham die „Washington Post“ für 250 Millionen Dollar abgekauft. In den vergangenen Wochen gab es  eine ganze Reihe von Artikeln, die mehr oder weniger hämisch feststellten, dass Bezos offenbar nicht wisse, was er mit seinem Spielzeug auf Zeitungspapier anfangen solle. Veränderungen, die die Handschrift des Versandgenies erkennen ließen, habe es bei der „Post“ nicht gegeben; Bezos falle nichts dazu ein, wie das Geschäftsmodell des Zeitungsgewerbes gerettet werden könnte.

          Amazon-Chef Jeff Bezos

          Diese Spötter wie Dylan Byers, der Medienkolumnist von „Politico“, einem von abtrünnigen „Post“-Redakteuren gegründeten Internetdienst, der die Zeitung beerben will, stehen nun einigermaßen blamiert da. Vorschnell geurteilt – typisch Internet! Sollte Bezos an solchen ironischen Volten nicht seine Freude haben? Vielleicht um so mehr, als die Kopplung von Amazon-Werbefläche und Zeitungs-Schaufenster alles andere als eine originelle Idee ist. Es wird nun genau das geschehen, was sogleich vorausgesagt wurde, als die Nachricht vom Verkauf der „Post“ an Bezos um die Welt ging. Die Voraussage stand auf der Internetseite der „Post“; man musste sie ernst nehmen.

          Am 5. August 2013 erläuterte die Wirtschaftsredakteurin Lydia DePillis in einem Blogbeitrag, warum der Erwerb ihres Blattes sich für Bezos sehr wohl rechnen werde. Sie zitierte Alan Mutter, einen Silicon-Valley-Insider, der seine Karriere als Zeitungskolumnist begonnen hatte, mit dem Satz: „Bezos braucht die App der ‚Washington Post‘ nur zur Standardeinstellung auf jedem Kindle zu machen.“

          Wie Stone nun berichtet, wird der Anlass zu dieser Hochrüstung der Lesegeräte die Einführung der neuen Generation der „Fire“-Tablets mit größerem, leserfreundlichem Bildschirm im November sein. Eigenproduzierte Inhalte sollen das Publikum für die Amazon-Geräte gewinnen: Die „Washington Post“ tritt an die Seite der von Amazon produzierten Fernsehserien. Die „Post“-App wird zunächst kostenlos sein. Kostenpflichtige Varianten soll es später für das iPad von Apple und die Lesecomputer aus der Android-Familie geben.

          Seit dem 1. Januar hat es bei der „Washington Post“ dank dem Geld von Bezos mehr als hundert Neueinstellungen gegeben. In der gleichen Größenordnung wird die „New York Times“ Stellen in der Redaktion abbauen. Vor diesem Hintergrund ist bemerkenswert, dass just am Montag dieser Woche, am Tag vor Stones Regenbogen-Scoop, in der Medienkolumne von David Carr im Wirtschaftsteil der „Times“ ein euphorischer Artikel über die Entwicklung der „Post“ unter dem Eigentümer Bezos erschien. Carr kultiviert die Attitüde eines Propheten und hat seinem Arbeitgeber schon öfters öffentlich zu verstehen gegeben, dass er nicht an die Zukunft der gedruckten Zeitung glaubt.

          Carr rühmt an der neuen „Post“, dass sie sich auf dem klassischen Feld der hartnäckigen Recherche bewähre: durch die Kooperation mit Edward Snowden, der mit der „New York Times“ zunächst nicht zusammenarbeiten wollte, wie bei der Enthüllung der Sicherheitsmängel im Weißen Haus und der Aufdeckung des Korruptionsskandals um den verurteilten früheren Gouverneur von Virginia, Bob McDonnell.

          Die Zeitung als Technologieunternehmen

          So präsentiert sich Bezos als Zeitungseigner auf der Höhe der Zeit, der an der Qualität der Inhalte nichts ändern will und den Schlüssel für die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Zeitung im Vertrieb erkennt, in der Befreiung aus der Abhängigkeit vom Papier. Regionalzeitungen bietet die „Washington Post“ neuerdings einen Mantel nationaler Berichte und Kommentare an. In New York arbeiten Techniker und Layouter an einem neuen Redaktionssystem mit dem Namen „Pagebuilder“. Ziel: Die Redakteure sollen sich selbst um die multimediale Einbettung ihrer Texte kümmern.

          Trotz aller ostentativen Neutralität des Eigentümers hat das Engagement von Bezos erkennbare Konsequenzen für das Selbstverständnis der Redaktion. Die Zeitung sei ein Technologieunternehmen geworden, sagt Chefredakteur Martin Baron, der in gleicher Funktion beim „Boston Globe“ gearbeitet hat und von den Grahams 2012 als Sachwalter der investigativen Tradition geholt wurde.

          Will Bezos mit der „Washington Post“ Geld verdienen oder sieht er sich als Mäzen? Seine eigenen Worte sind eindeutig. Er habe der Zeitung eine Startbahn gebaut, sagte er neulich. Eine Startbahn sei keine Landebahn – früher oder später müsse das Unternehmen abheben. Um die Flugtauglichkeit sicherzustellen, hat die „Washington Post“ im September die Betriebsrenten gekürzt. Sie spart sich jetzt die Krankenversicherung ihrer Pensionäre.

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