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Internetvordenker Jaron Lanier : Könnte man das Internet in die Luft jagen?

„Schüler und Studenten sind deprimierter, als ich es je in einer anderen Generation beobachtet habe.“ Jaron Lanier zweifelt am Internet. Bild: © Doug Menuez / Stockland Martel

Der Wettlauf um Künstliche Intelligenz? Quasireligiöser Fanatismus. Die sozialen Netzwerke? Eine Sucht. So sieht es Schriftsteller und Internetvordenker Jaron Lanier. Was tun mit dem Netz: ein klärendes Gespräch.

          Sie sind nicht nur Entwickler, Internetpionier und Berater bei Microsoft, sondern Pianist und sammeln antike Instrumente. Haben Sie heute schon gespielt?

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Nein, heute nicht. Aber ich mache noch viel Musik. Ich habe vor einer Weile mit Philip Glass gespielt und Aufnahmen mit TBone Burnett gemacht, das war wundervoll. Es ist ein bisschen, als hätte ich neben diesem anderen Leben noch dieses, viel weniger öffentliche.

          Und sie spielen jedes Ihrer Instrumente?

          Ja, ich versuche kontinuierlich neue Instrumente zu lernen. Das ist eine Obsession, eine Neurose, keine bewundernswerte Qualität und nichts, womit man angeben würde. Wenn das jeder machte, läge die Zivilisation rasch in Trümmern.

          Sehen Sie Parallelen zwischen Komponieren und Programmieren?

          Es gibt eine Korrelation zwischen Menschen, die sich intensiv mit abstraktem Wissen wie Mathematik, Physik oder Informatik beschäftigen und solchen, die Musik machen. Aber das Programmieren, wie man es heute nutzt, ist nicht sehr musikalisch. Mein Traum wäre eine Form des Programmierens, die ausdrucksstärker ist und viel mehr mit Musik zu tun hätte. Darum geht es in meinem Buch „Anbruch einer neuen Zeit“. Heutzutage ist Programmieren antimusikalisch. Es zwingt einem diese nerdmäßige Denkweise auf.

          Was meinen Sie damit?

          Man wird vorübergehend fast etwas autistisch. Das ist jetzt unfair gegenüber wirklichen Autisten. Es sorgt aber dafür, dass man alles nur noch sehr abstrakt betrachtet, es macht einen blutleer. Musik hingegen wirkt nach außen, öffnet und verbindet – mit Menschen, mit etwas Höherem. Man wird Teil des sich entfaltenden Augenblicks. Unsere Art zu programmieren trennt den Menschen vom Leben.

          Von vielen Seiten wird gefordert, dass wir alle Programmieren lernen müssten.

          Das ist nicht so einfach. Es ist wichtig, dass die Nutzer ein grundlegendes Verständnis davon haben, wie ihre Welt funktioniert. Man muss kein Staatsrechtler sein, aber man muss zumindest ein grobes Verständnis davon haben, wie die Regierung arbeitet. Man muss kein Ingenieur sein, aber man sollte eine Vorstellung davon haben, wie Autos, Züge und Flugzeuge funktionieren, wenn man darin unterwegs ist. Die Krux bei digitaler Technologie ist, dass das, was aktuell gelehrt wird, also eine Programmiersprache zu lernen und kleine Programme zu schreiben, nichts mit dem Coding zu tun hat, das heute den größten Einfluss hat. Es bedient sich Algorithmen, maschinellen Lernens, „Big Data“, Statistik und mathematischer Rechenvorgänge, von denen selbst viele Programmierer keine Ahnung haben. Das Problem ist auch: Es gibt nur sehr wenige Menschen, die dir beibringen, was ein faltendes neuronales Netzwerk ist. Das muss sich ändern.

          Als Sie in den Achtzigern begonnen haben, über das Internet nachzudenken, wie haben Sie es sich im Jahr 2020 vorgestellt? Sie haben sich damals viel mit virtueller Realität und dem Konzept des Avatars, also der virtuellen Repräsentation des Nutzers im Netz, beschäftigt.

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