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Japans Komiker und die Mafia : Eine fünfeinhalbstündige Entschuldigung

Zwischen Reue und Rücksichtslosigkeit: Akihiko Okamoto, Chef von Yoshimoto Kogyo, entschuldigt sich auf der Pressekonferenz am vergangenen Sonntag. Bild: Picture-Alliance

Eine von Japans größten Agenturen hat ihre Künstler gerügt, weil sie vor mafiösen Betrügern aufgetreten waren. Als diese sich dazu äußern wollten, bekamen sie Sprechverbot von der Agentur. Deren Chef erklärte sich nun ausgiebig.

          Es ist eine große Sache in Japan. Wie so oft, wenn dort etwas im Argen liegt, wird erstmal geschwiegen, dann werden viele Worte gemacht. Die weitschweifig-ausweichende Pressekonferenz, auf der Akihiko Okamoto, der Chef von Yoshimoto Kogyo, einer der größten Talent-Agenturen des Landes, sich am vergangenen Montag für alle Vorkommnisse rund um den Auftritt seiner Künstler vor einer Verbrecherbande entschuldigte, dauerte fünf Stunden und dreißig Minuten. Auch Tränen flossen.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Durch eine Veröffentlichung im Boulevard-Magazin „Friday“ war ans Licht gekommen, dass elf bei seiner Firma unter Vertrag stehende Comedians vor fünf Jahren auf einer Party aufgetreten waren, die von einer „anti-sozialen“, verbrecherischen Organisation veranstaltet worden sei. Die Comedians, darunter der berühmte Hiroyuki Miyasako, Mitglied des Duos „Ameagari Kesshitai“, sowie Shinya Irie, hatten die Vorwürfe öffentlich zunächst abgestritten und dann Schritt für Schritt eingeräumt. So hieß es erst, die Künstler wären bei der Feier zwar aufgetreten, jedoch unentgeltlich.

          Schließlich offenbarte die Agentur nach „internen Nachprüfungen“, dass doch Geld geflossen sei. Sie räumte ein, dass Hiroyuki Miyasako eine Million Yen (etwas mehr als 8200 Euro) und der ebenfalls anwesende Komiker Ryo Tamura (vom Duo „London Boots Ichi-go Ni-go“) eine halbe Million Yen erhalten habe. Am vergangenen Freitag kündigte man Hiroyuki Miyasako schließlich den Vertrag.

          Nicht mit dem Widerstand der Künstler gerechnet

          Nur hatte Yoshimoto nicht mit dem Widerstand der Künstler gerechnet: Am Samstag, einen Tag nach seiner Absetzung, hielt Miyasako zusammen mit Tamura eine Pressekonferenz ab, obgleich, wie die Komiker dort bekannt gaben, ihre Agentur ihnen einen Maulkorb verpasst habe. Dort erklärten sie, dass man sich bereits Ende Juni öffentlich zu den Vorwürfen habe äußern und entschuldigen wollen. Damals habe Yoshimoto-Chef Okamoto laut Miyasako, den die Tageszeitung „Asahi Shinbun“ zitiert, gesagt: „Das könnt ihr machen. Aber wenn ihr das tut, werde ich euch alle feuern, weil ihr alle mitverantwortlich seid.“

          Auf der Pressekonferenz Anfang der Woche sagte Okamoto, auf diese Drohung angesprochen, er habe gemeint, die Künstler mit dieser Warnung zu behandeln wie seine „Familie“. Nur habe er seine Absichten wohl „nicht überzeugend rüberbringen“ können und müsse „nun darüber nachdenken“. Anwesende Reporter warfen Okamoto „Power-Harrassment“ in höchster Position vor.

          Der Yoshimoto-Chef indes erklärte, er habe die Kündigung des Vertrages mit Miyasako mittlerweile rückgängig gemacht. Nach der Pressekonferenz von Miyasako und Tamura habe er seine Meinung geändert: „Ich hatte das Gefühl, dass ich ihnen innerlich Schmerzen bereitet habe.“ Der Vertrag des Miyasako-Schülers Shinya Irie, der gleich nach Bekanntwerden der Vorfälle aufgekündigt worden war, bleibe jedoch aufgehoben. Auf die Frage ob er nach dem großen Image-Verlust für sein Unternehmen seinen Posten räumen wolle, sagte Okamoto, er werde nicht zurücktreten. Dafür habe man entschieden, sein Gehalt und das seines Vertreters Hiroshi Osaki für ein Jahr um die Hälfte zu kürzen.

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