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Japanische Messenger-App : Hier wird jeder auf Linie gebracht

Hat viel vor: „Line“-Chef Takeshi Idezawa Bild: AP

Werbung anhand eines persönlichen „Scores“: Die japanische Messenger-App „Line“ gibt ihren Nutzern Punkte – für „bessere“ Angebote.

          2 Min.

          Was des Deutschen „Whatsapp“, ist des Japaners „Line“. Nur ist der Messenger-Dienst mit dem grünen Logo, der sich vor allem in Fernost, aber auch in Teilen der arabischen Welt großer Beliebtheit erfreut, mittlerweile viel mehr als das: Japans Social-Media-Plattform Nummer eins (von etwa 127 Millionen Japanern hat „Line“ etwa 80 Millionen „monatlich aktive“ Nutzer), ist ein lukrativer Merchandise-Generator vom Portemonnaie bis zum Strampler, ein Finanz-Dienstleister und bald auch – Nutzerbewerter. Wie das Unternehmen auf seiner jährlichen „Line Conference“ in Tokio bekanntgab, will man sich künftig in einer Art Punkte-Bewertungssystem für Line-Nutzer ausprobieren, um „das tägliche Leben zu bereichern“, will sagen, Werbung effektiver zu personalisieren.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Hinter „Line“ steckt das japanische Tochterunternehmen – Line Corporation – der koreanischen Naver Corporation. Die Kurznachrichten-App stieg in Japan zur Haupt-Nachrichten-App auf, als im März 2011 der Tsunami, der zur Dreifach-Katastrophe von Fukushima führte, die Telekommunikationsinfrastruktur in weiten Teilen Nordjapans lahmlegte. Als die Telefonnetze versagten, informierten sich die Betroffenen und deren Angehörige über die kostenlose App, die gerade frisch auf den Markt gebracht worden war. Dabei ist sie nicht wie Whatsapp, ein weiterer Kanal der lose mit einer Social-Media-Plattform (hier Facebook) verbunden ist. Sie ist die Plattform selbst – wie bei Google –, mit eigenen „Line Service“-Apps vom Kalender („Organisator“), über digitale Rabatte („Coupon Book“), bis hin zu „Line-Pay“ und eigenen Spielereihen, die stets die beliebten Maskottchen der Firma, die „Line-Friends“, in den Vordergrund stellen: darunter „Moon“, der Mondmann; „Brown“, der Bär und Ehemann der Hasendame „Cony“ sowie der narzisstische, blonde Jüngling „James“. Durch das gesamte Bündel an Diensten fällt hier also einiges an „Big Data“ an. Dieser Rohstoff soll nun noch raffinierter genutzt werden.

          Auch so kann Selbstoptimierung aussehen

          Der Börsengang im Jahr 2016 wurde als Erfolg verbucht, doch der internationale Durchbruch ist „Line“ bisher nicht gelungen. Die Japaner aber werkeln weiter fleißig an ihrem ausgetüftelten System zur Nutzerbindung – zusammen mit Firmen aus Korea und China. Deren neuester Streich ist „Line Score“, ein Punktebewertungssystem, das der Pressemitteilung zufolge von „Line Credit“ – dies wiederum ein Joint Venture zwischen der Finanz-Service-Sparte des Unternehmens, „Line Financial“, der japanischen Bank Mizuho und dem chinesischen Multimedia- und Hardware-Unternehmen Orient Corporation, „Orico“ – entwickelt wurde, um mit Hilfe von lernenden Algorithmen bestimmte „Angebote direkt auf den jeweiligen Nutzer zuzuschneiden“, je nachdem wie dessen jeweiliger „Score“ aussieht. Es geht also um individuell zugeschnittene Werbung, die – zumindest das ist transparent – die Grundlage ihrer Entstehung sichtbar, wenn auch nicht unbedingt durchschaubar macht.

          Dieser „Score“, der zwischen hundert und tausend Punkten rangiert, soll sich aus den Daten berechnen, die sich aus den Aktivitäten des Nutzers in den verschiedenen „Line“-Apps und Kanälen ergeben, und aus einem zuvor auszufüllenden Fragebogen. Die Teilnahme an „Line Score“ und die Weitergabe der Daten an Drittanbieter finde jedoch nur statt, wenn der Nutzer dem zuvor jeweils zugestimmt habe. „Line“ verspricht, dass der Nutzer je nach Score bestimmte „Deals“ vorgeschlagen bekommt. Verändern kann er den Score, indem er bestimmte Aktivitäten innerhalb des „Line“-Universums ausführt, Deals wahrnimmt, teilt und Dienste in Anspruch nimmt. Zu den Deals sollen in diesem Sommer die Möglichkeiten zählen, sich gratis französische Luxus-Handtaschen, Schweizer Luxus-Uhren oder italienische Sportwagen zu leihen. Wer das tut, der punktet und bekommt neue, „bessere“ Angebote vorgeschlagen. Auch so kann Selbstoptimierung aussehen. Nur wessen Leben sie reicher macht, das scheint nicht ganz klar.

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