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Japans Lärmbelästigungskarte : Weiße Ohren

Wohl noch nie etwas von Mittagsruhe gehört: eine Gruppe japanischer Schüler auf dem Heimweg. Bild: EPA

Kartografie der Querulanten: Ein Mann betreibt in Japan eine Internetseite, auf der Menschen mittels Kartenmarkierung verzeichnen können, an welchen Orten Nachbarskinder durch Lärm auffallen.

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          Wünscht man sich in diesen Zeiten überhaupt noch Ruhe? Oder eben gerade? Das hängt wohl auch von folgenden Fragen ab: Sind Kinder in der Nähe? Sind es die eigenen? Wie alt sind sie? Wie alt ist oder fühlt man sich selbst? Sind es doch die Nachbarn? Die mit der erschütternd neuen „Dolby Atmos“-Heimkinoanlage, die so schön rustikal streiten und sich noch lauter versöhnen. Und die, sobald das Thermometer wieder über fünf Grad steigt, wieder jeden Abend auf dem Balkon verbringen, um sich über den Hinterhof viel zu gut gelaunt mit der Nachbarin im Vorderhaus zu unterhalten – oder Flöte zu spielen. Wie soll man da in Ruhe seinen Rilke lesen? Oder seinen Tokoku?

          Denn Lärmbelästigung gibt es auch in Japan. Ein Land, das artige Stille im öffentlichen Raum schätzt und lärmendes Betragen am falschen Platz mit den kalten Blicken aus „weißen Augen“ bestraft. Hier trauen sich allerdings die wenigsten, ihren Müßiggang auf dem Balkon auszustellen. Es hätte auch kaum jemand genug Muße dafür. Stattdessen verbringen einige Japaner wohl zunehmend Zeit damit, etwaige Lärmbelästigungen zu protokollieren und auf einer digitalen Karte zu verorten, damit andere Ruhebedürftige wissen, welche Orte sie zu meiden haben – und warum.

          Die „Asahi Shinbun“ berichtet von der „Dorozoku-Map“ (Straßen-Klan-Karte), die von einem Herrn Mitte vierzig betrieben wird, der seinen Namen für sich behalten möchte, nicht aber seinen Unmut gegenüber Kindern. Diese, findet er, sollten gesehen, aber nicht gehört werden. Für seine fehlende Toleranz gegenüber Heranwachsenden schlägt wiederum ihm Unmut entgegen. Zumal in einem Land, das mit der Überalterung seiner Gesellschaft ringt.

          „Sie schreien zu Hause beim Rein- und Rausgehen“

          Etwas nordwestlich von Yokohama, südlich der Bahnstation Nakayama, sind die Lärm-Protokollanten unterdessen besonders aktiv. Hier häufen sich Markierungen, deren Melde-Datum sich auf aktuelle Vorkommnisse bezieht – im Vergleich zu solchen, die älter sind als drei Monate, ein halbes, oder ein Jahr. Einer ärgert sich, dass die Kinder „schreiend umherlaufen, Passanten anglotzen und sich auf dem Parkplatz versammeln“. Ein anderer wird häufig von einer lauten Gruppe beim Spazieren gestört. Die Sätze lauten manchmal nur: „Sie spielen auf der Straße oder dem Parkplatz.“ Oder: „Grundschüler betreten fremde Grundstücke ohne wirklich aufzupassen, schreien zu Hause beim Rein- und Rausgehen, haben jeden Tag das Fenster auf und schreien – das ist zu laut.“ Seltener werden auch die tratschenden Nachbarn angeschwärzt.

          Das Praktische an dieser Karte ist aber nicht nur, dass sie vor lärmenden Kindern in der Nachbarschaft warnt, sondern gleichzeitig vor solchen Querulanten, die sich im Internet darüber beschweren, das Kinder oder Nachbarn tun, was Kinder oder Nachbarn eben tun. Und falls Sie beim Lesen jetzt denken, das brauchten wir auch hier in Nürtingen! Schämen Sie sich. Besser: Überlegen Sie, wie sich dieses Prinzip auf den Ruhebereich der Deutschen Bahn anwenden ließe.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

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