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Jane-Austen-Reihe bei Arte : Diese Haubenhüte sind einfach genial

Nie ohne Schutenhut und noch nicht in „Northanger Abbey“: Wie fast jede Austen-Heldin muss auch Catherine (Felicity Jones, links) erst die Gesellschaftshölle im südenglischen Bath überstehen. Die Freundin Isabella (Carey Mulligan) ist dabei kaum hilfreich. Bild: Arte/ITV Plc

Drei Erstausstrahlungen und ein Klassiker: Arte zelebriert Englands Literaturheilige Jane Austen. Unbedingt sehenswert ist die Verfilmung von „Northanger Abbey“, die übrigen Adaptionen fallen etwas ab.

          Unbedingt sehenswert und einen Sommerabend allemal wert ist „Jane Austens Northanger Abbey“, eine ITV-Verfilmung von 2006, die Arte am 25. Juli in deutscher Erstausstrahlung zeigt. Was der Regisseur Jon Jones dabei dem ersten, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts entstandenen, aber 1818 erst postum veröffentlichten Roman von Englands Literaturheiliger abgewinnt, hat Schwung, Charme, Witz und Verstand.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Ja, auch hier gibt es in Hülle und Fülle jene Panoramen, Kulissen und Requisiten, die das Publikum an Jane Austens Erzählwelten so überaus schätzt - die wundersam ondulierte Landschaft Südenglands, die weißen Klippen an steiler Küste, das tosende Meer, die prächtigen Landsitze, die üppigen Ballsäle, die eleganten Kutschen, die edlen Pferde, die nur noch halbsteifen, also fast schon geschmeidigen Gehröcke der Gentlemen, vor allem jedoch die biedermeierlich genialen Schutenhüte der Ladys, jene bebänderten und mit Schleifchen befestigten Haubenorgien, die zwar (und zu Recht) nicht zum Markenzeichen des Austen-Stils, wohl aber zu dem der inzwischen nur noch nach Dutzenden zu zählenden Austen-Verfilmungen geworden sind. Naturgemäß zeigen auch die beiden einzigen gesicherten Porträts zu Lebzeiten, Farbzeichnungen ihrer Schwester Cassandra, Jane Austen stets mit Schute.

          Das Verschlingen von Schauerromanen

          Jon Jones aber ist klug genug, das ganze Arsenal der Austen-Klischees wie nebenbei abzuhandeln, es en passant zu zitieren. Das gibt Raum für ironische Brechungen, an denen auch der Roman nicht spart. Fabelhaft eignet sich dafür die Lieblingslektüre der Hauptfigur: Catherine Morland, die arme und auch nicht sonderlich gescheite Pfarrerstochter, verschlingt Schauerromane. Besonders angetan haben es ihr zwei Bestseller der Epoche: „Der Mönch“ von Matthew Gregory Lewis und „The Mysteries of Udolpho“ von Ann Radcliffe, mit deren romantisch empfindsamer Heldin sich Catherine bis in ihre Träume hinein identifiziert.

          Die Verfilmung von „Northanger Abbey“ lässt sich die Chance nicht entgehen, diese Träume ihrerseits zu inszenieren. Für die Hauptdarstellerin Felicity Jones ist dies ein großes Glück, kann sie doch die üblichen Gesten und Gebärden einer bei allem gelegentlichen Übermut doch fast immer kontrollierten Austen-Heldin um die nächtlichen Phantasien und Ekstasen eines Wunsch-und Angst-Ichs erweitern. Und mit der Hauptfigur kann sich auch die Handlung des Films stets aufs Neue aus den Schnürbrüsten gesellschaftlicher Konventionen befreien - was ungemeine Leichtigkeit zur Folge hat.

          „Jane Austens Verführung“: Vor acht Jahren hatte Anne Elliot (Sally Hawkins) den Heiratsantrag von Frederick Wentworth (Rupert Penry-Jones) Heiratsantrag abgelehnt. Nun ist Frederick ein angesehener Kapitän und Anne bereut ihre Entscheidung bitter.

          Hierzulande ebenfalls erstmals gezeigt werden bei Arte zudem „Jane Austens Verführung“ in der Regie von Adrian Shergold und „Mansfield Park“, wieder von Jon Jones. Beide Filme stammen von 2007, beide bleiben weit hinter „Northanger Abbey“ zurück. Shergolds Version basiert auf „Persuasion“, dem letzten Buch von Jane Austen, und sie erzählt dessen Handlung auch einigermaßen treu und brav nach. Wie ihre Vorläuferin Catherine Morland muss auch hier die Heldin, die ungleich gebildetere Anne Elliot, die Geborgenheit des Landlebens hinter sich lassen und in der Gesellschaftshölle des südenglischen Kurortes Bath den Zumutungen adliger Arroganz und bürgerlicher Engstirnigkeit standhalten.

          Die Bedienstete mit dem Tintenfass

          Der Film hat eine sehr gelungene Anfangsszene - so nervös wie entschlossen geht Anne durch die Stockwerke des Herrensitzes Kellynch Hall, eine Bedienstete hält der dabei unentwegt in ihr Notizbuch Schreibenden ein Tintenfass hin: auch für Sally Hawkins, die Anne Elliot spielt, ist das ein großer Auftritt. Ansonsten jedoch geht vieles schief. Zwei Schlüsselszenen des Romans - Anne belauscht den geliebten Frederick Wentworth im Gespräch mit einer Rivalin; Louisa, ihre Schwägerin, verunglückt im Seebad Lyme Regis schwer - wirken im Film bloß hingehuscht.

          Und die deutsche Synchronisation ist eine Katastrophe: Wer im Roman an „Gicht“ leidet, hat hier „schlechte Verdauung“, aus den „Gesichtszügen der Elliots“ (“the Elliot countenance“) wird hier ein sinnloses „Selbstvertrauen“ und aus Bath gar Bäth. Zudem wird der Schluss - vielleicht das glaubhafteste Happy End der Weltliteratur - durch das irre Herumrennen der Heldin auf der Suche nach dem Geliebten doch sehr beschädigt.

          Im Gegensatz zu „Northanger Abbey“ hat Jon Jones bei „Mansfield Park“ ganz auf stilistischen Purismus und langatmige Werktreue gesetzt: ein gerade noch einigermaßen passabler Kostümfilm mit viel Aufsagefleiß, dessen sich auch die von Billie Piper gespielte Hauptfigur Fanny Price nicht recht zu erwehren weiß.

          Schließlich die „Emma“-Verfilmung von Adrian Shergold aus dem Jahr 1996: Sie war auch bei uns schon zu sehen, hat mit Kate Beckinsale eine strahlend schöne Hauptdarstellerin, ermüdet aber rasch. Man hat dieses Hauptwerk von Jane Austen im Kino wie im Fernsehen einfach viel zu oft traktiert: Shergolds Version ist die siebte oder achte Verfilmung. Viel besser, man liest den Roman wieder einmal.

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