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„Stinkefinger“-Video : Lügen haben lange Finger

Jan Böhmermann und Günther Jauch: Welchem dieser Herren würden Sie glauben? Bild: dpa

Beim ZDF ist immer noch „Fastnacht“: Jan Böhmermanns „Fälschung“ des Varoufakis-Films soll ein Fake sein. So heißt es jetzt aus Mainz. Doch sollen wir diesem Absender noch glauben?

          Hätte, könnte, würde: Der „Stinkefinger“ von Giannis Varoufakis soll doch echt und nicht gefälscht sein. Das hat das ZDF jetzt offiziell mitgeteilt. Der Kabarettist Jan Böhmermann habe nur so getan, als hätten er und seine Redaktion das Video, das Varoufakis bei einem Auftritt im Mai 2013 in Zagreb zeigt, manipuliert. Um die Debatte um das Video satirisch zuzuspitzen, „haben Jan Böhmermann und seine Redaktion die Möglichkeiten der Video-Manipulation sehr anschaulich dargestellt“, heißt es von Seiten des ZDF. Und Programmdirektor Norbert Himmler ergänzte: „Wir sehen uns gezwungen, das Neo Magazin Royale zukünftig als  Satiresendung zu kennzeichnen. Für die Moderation des „heute journals“ wird Jan Böhmermann sicherheitshalber vorerst ausgeschlossen“.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          In allen Einzelheiten führt Böhmermann die vermeintliche Fälschung vor, um Günther Jauch, in dessen Sendung der Ausschnitt mit dem „Stinkefinger“ von Varoufakis am vergangenen Sonntag lief, eine Werktagspredigt zu halten: Jauch schüre mit derart aus dem Zusammenhang gerissenen Bildschnipseln den Nationalismus, lautet Böhmermanns Vorwurf. Um diesen zu erheben, hat er die vermeintliche Fälschung des Video allerdings seinerseits – gestellt. Die Fälschung des Videos ist ein Fake.

          Oder soll ein Fake sein. Denn wer will einer Mitteilung, die aus dem ZDF kommt, jetzt noch glauben? Könnte ja sein, dass jemand aus der Böhmermann-Redaktion die Pressestelle gekapert hat. Gibt es das ZDF überhaupt? Oder gibt es nur eine Satiresendung namens „Neo Magazin Royale“, die uns fortlaufend mit Irrungen und Wirrungen versorgt? Eine Moritat soll das sein, ein Lehrstück über die Manipulierbarkeit von Medien und – das muss man Böhmermann lassen – der Effekt sitzt. Denn wie perfekt man Bilder fälschen oder auch nur so täuschend echt tun kann, als fälsche man Bilder, weiß spätestens jetzt jeder. Und für einen Augenblick weiß man nicht, wem man was glauben soll.

          Dabei geht es allerdings weniger um mangelnde Recherche – um die sich die Redaktion von Günther Jauch insbesondere nach Ausstrahlung der Sendung und der Kritik an dem Video bemüht hat -, sondern um Glaubwürdigkeit an sich. Und da hört der Spaß, den Jan Böhmermann sich erlaubt, auch schon wieder auf. Denn er gibt denjenigen, denen das Wort „Lügenpresse“ leicht von den Lippen geht, eine Steilvorlage. Und dass es beim Thema Griechenland und Europa um Wichtigeres geht als um einen – echten oder falschen – Stinkefinger, tritt bei diesem Eiertanz auch in den Hintergrund.

          Giannis Varoufakis hat per Twitter übrigens eine Entschuldigung von Günther Jauch gefordert – wegen des vermeintlich gefälschten Videos. Wir erinnern uns: „The Video was Doctored.“ Jetzt sitzt Varoufakis also doppelt in der Tinte und Jauch ist doch obenauf. Oder twittert Giannis Varoufakis etwa gar nicht, sondern unter seinem Pseudonym ein gewisser Jan Böhmermann?

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