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Der neue Böhmermann : „Es kann sein, dass Hitler dann klagt“

Er ist wieder da: Zu seiner Wiederkehr mit dem „Neo Magazin Royale“ hat sich Jan Böhmermann etwas ganz besonderes einfallen lassen. Bild: dpa

Um den türkischen Präsidenten Erdogan geht es im „Neo Magazin Royale“ diesmal nur am Rande. Dafür beschert Jan Böhmermann RTL einen heißen Abend: Er hat zwei falsche Kandidaten bei der Show „Schwiegertochter gesucht“ eingeschleust.

          Jan Böhmermann ist wieder da, und der neue Böhmermann ist – nicht ganz – der alte. Er setzt nicht auf flaue Witze über einen Despoten, sondern auf seine Paradedisziplin, den „Fake“, schaltet aber einen Gang zurück, womit die Sache viel mehr Geschwindigkeit bekommt. Bei „Varoufake“, dem gefälschten Stinkefinger des früheren griechischen Finanzministers Giannis Varoufakis, hatte das „Neo Magazin Royale“ noch zwei Umdrehungen hingelegt: die Fälschung war die Fälschung. Jetzt folgt „Verafake“ und das kann, auch wenn man es bei Böhmermann nie weiß, keine Fälschung sein: Wir bekommen einen intimen Einblick in die Methodenlehre von Vera Int-Veen und ihrer RTL-Show „Schwiegertochter gesucht“, nach dem man nicht annehmen möchte, dass irgend jemand an dieser Sendung, die traurige Gestalten der Lächerlichkeit preisgibt, noch Gefallen findet.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Denn je prekärer die Junggesellen erscheinen, die dort auftreten, desto besser passen sie ins Konzept von „Schwiegertochter gesucht“. Der Kuppelshow hat das „Neo Magazin Royale“ zu Böhmermanns Wiederkehr die beiden Fake-Kandidaten „Robin“ und „René“ untergejubelt.

          Zu abgedreht, um wahr zu sein: Die Fake-Kandidaten René und Robin

          An deren Beispiel zeigt sich, wie es bei „Schwiegertochter gesucht“ zugeht: bis zu dreißig Drehtage für eine „Aufwandsentschädigung“ von 150 Euro, eine eidesstattliche Versicherung, dass die Kandidaten nicht geistig behindert sind. Dem (Schein-)Kandidaten Robin werden Texte vorgesagt, damit der Schildkrötenfigurensammler und Eisenbahnfreund als noch bescheidenerer Don Juan erscheint. René sagt, er trinke acht Flaschen Bier am Tag, im Kandidatenbogen wird „kein Alkohol“ angekreuzt: So beschert Jan Böhmermann RTL einen heißen Abend und meldet sich für den nächsten Grimme-Preis an. Er hat in den vier Wochen Pause also nicht nur gechillt. Und es zeigt sich: Es geht auch – fast – ohne Erdogan.

          „Nacktputzen bei Mutter Beimer“

          William Cohn, der bei Böhmermann den Ansager gibt, ist zwar etwas ungehalten, weil er sich mit Jobs wie „Butterstampfen“ und „Nacktputzen bei Mutter Beimer“ über Wasser halten musste und droht Böhmermann wegen des Verdienstausfalls mit einer Anzeige. Aber immerhin kann er die Zuschauer endlich wieder zu „Deutschlands gesetzestreuester Unterhaltungsshow“ begrüßen. In der lässt Jan Böhmermann es mit den eigenen Gags lieber sein, weil diese, wie er sagt, schnell gegen die Menschenwürde verstoßen könnten. Nicht einmal Witze über Hitler, denn die könnten ja die Totenruhe stören: „Es kann sein, dass Hitler dann klagt.“

          Aus Sicherheitsgründen trägt Böhmermann bei seinem Intro lieber ein paar von den rund zehntausend Witzen vor, die Zuschauer eingesandt haben. 103 Euro gibt es für jeden Gag, der es in die Show schafft. Gelohnt hat sich die Investition nicht. Nils B. aus Bielefeld etwa findet den Aufsager witzig: „Lutz Bachmann, Beatrix von Storch und Horst Seehofer kommen in eine Bar. Sagt der Barkeeper: Verpisst euch, ihr Wichser.“ Johannes A. aus Augsburg hat die Bemerkung eingeschickt, in Sao Paulo werde zu den Olympischen Spielen ein „Sexpark geplant, oder wie wir in Köln sagen: Hauptbahnhof“. Eine andere Einsendung lautet: „Was ist der Unterschied zwischen Chinesen und Rassismus? Rassismus hat viele Gesichter.“

          „Das Gedicht fand ich nicht schön“

          Schlechte Witze sind also nicht das Alleinstellungsmerkmal von Jan Böhmermann, seine Zuschauer können das auch. Dass er das „Schmähgedicht“ auf den türkischen Präsidenten Erdogan für keinen gelungenen Witz hält, bekommt Böhmermann von seinem Studiogast Gregor Gysi zu hören: „Das Gedicht, das sie gelesen haben, das fand ich nicht schön, weil es alle Vorurteile bedient.“ Gysi  versichert aber zugleich, dass er Böhmermann – wäre er beim ZDF – intern kritisiert hätte, nach außen hin aber um jeden Preis verteidigen würde, selbstverständlich auch in seiner beruflichen Eigenschaft als Anwalt. (Rinderzüchter ist er übrigens auch.)

          Vor der Sendung mochte es noch so scheinen, als habe Gysi seinen Gastgeber Böhmermann in der aufgezeichneten Sendung kritisiert. Den Zitaten aus einem Interview nach klang es so. In der Gesamtabrechnung sieht es freilich anders aus. Er bekomme vor allem deshalb so große Unterstützung, sagt Gysi zu Böhmermann, weil Erdogan „so eine Scheiß-Politik macht“. Krieg gegen die Kurden, Verfolgung der Presse, Unterdrückung der Menschenrechte – Gysi hört gar nicht mehr auf und nimmt die Bundeskanzlerin ebenfalls in Haftung: Man könne doch nicht hingehen und in Böhmermanns Fall einer Strafverfolgung nach Paragraph 103 Strafgesetzbuch zustimmen, und im nächsten Atemzug die Vorschrift abschaffen wollen. Er halte den Paragraphen sogar für grundgesetzwidrig.

          So muss Jan Böhmermann gar nicht mehr viel tun, um in der 45. Ausgabe des „Neo Magazin Royale“ gut dazustehen. Was er diesmal mit dem „Team Royaleraff“ mit der Undercover-Recherche bei einer RTL-Show hinbekommen hat, kann man sich bei Twitter unter #verafake ansehen.

          RTL teilte auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit:  „Wir werden uns die Sendung anschauen und bei Bedarf mit dem Produzenten austauschen.“ Danach wolle man das kommentieren. Da könnte Böhmermann doch tatsächlich ein Blattschuss gelungen sein.

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