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Satire im Fernsehen : Böhmermann meint es ganz ernst

Jetzt mal ernsthaft: Böhmermann (r.) kritisiert Lanz für die Auswahl seiner Gäste Bild: dpa

Satire darf alles, heißt es. Aber soll sie so politisch einseitig und oberlehrerhaft wie beim ZDF sein? Dort will Jan Böhmermann bestimmen, wer diskursfähig ist.

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          Sie sind noch unsicher, wen Sie wählen sollen? Langsam wird es knapp. Vielleicht helfen Ihnen die „Zehn Minuten Entscheidungshilfe mit Till Reiners“, regelmäßiger Gast bei der heute-show im ZDF. Im Youtube-Video schlendert der Satiriker gut gelaunt an den Parteizentralen vorbei und reduziert die Parteiprogramme auf kalauernde Anekdötchen. Am meisten Spott bekommt die FDP ab: „Du kannst nicht Hannibal Lecter zum Essen einladen und dich dann wundern, dass dir ein Arm fehlt. Der Vergleich war ein bisschen schief, klar, niemand sollte der FDP vorwerfen, dass sie Arme mag.“

          Patrick Schlereth
          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Und die CDU? Die habe eine „ganz klare Maßnahme für den Klimaschutz, die nahe liegt: Genau, Autobahnen bauen.“ Was sind die wichtigsten Themen der nächsten Jahre? Genau, soziale Gerechtigkeit, und vor allem Klimaschutz. Am meisten für das Klima machen wolle „die Linke, dann die Grünen, dann die SPD“, sagt Reiners, während es bei CDU und FDP heiße: „Ey, mal schauen.“

          Beim Zuschauer bleibt eins hängen: Wer nicht ganz verblödet ist, der wählt nicht die CDU oder die FDP. Aber sollte gute Satire nicht unabhängig und überparteilich sein? Das versprach die Auftaktfolge des „ZDF Magazin Royale“ nach der Sommerpause. Jan Böhmermann kündigte, mit Augenzwinkern, „die einzige politisch zu 100 Prozent ausgewogene Sendung im deutschen Fernsehen“ an. Man erlaube sich nur Scherze über „die da oben, deswegen heute keine Witze über Armin Laschet“.

          Böhmermann wirft Lanz vor, Streeck einzuladen

          Böhmermanns Scherze gehen aber nicht nur gegen „die da oben“, sondern meist gegen die in und rechts der Mitte. Der ZDF-Moderator ist vom harmlosen Scherzkeks zum politischen Aktivisten geworden, der eine links-grüne Weltanschauung im Modus des Schenkelklopfers transportiert. Als sich die FDP ins Wahlprogramm schrieb, die Öffentlich-Rechtlichen beschneiden und den Rundfunkbeitrag senken zu wollen, schmähte er die Liberalen auf Twitter als „AFDP“ und rückte sie in die Nähe einer Partei, die rechtsextreme Hetzer wie Björn Höcke in ihren Reihen hat. Als die Mittelstandsvereinigung der Union eine Fusion von ARD und ZDF forderte, twitterte Böhmermann: „Die Mittelstandsvereinigung der CDU sollte mit der rechtsextremen AfD fusionieren. Das wäre günstiger, inhaltlich sinnvoll, und unnötige Mehrfachstrukturen würden so entfallen.“ Das wäre nicht weiter interessant, hätte Böhmermann nicht mehr als 2,3 Millionen Follower auf Twitter. Er gehört zu den einflussreichsten Influencern einer ganzen Generation, und er arbeitet mit jenen Methoden der Diskursverflachung, die dem Medium Twitter eigen sind.

          Die CDU habe eine „ganz klare Maßnahme für den Klimaschutz, die naheliegt: Genau, Autobahnen bauen“, sagt Satiriker Till Reiners.
          Die CDU habe eine „ganz klare Maßnahme für den Klimaschutz, die naheliegt: Genau, Autobahnen bauen“, sagt Satiriker Till Reiners. : Bild: Mathias Becker

          Alles nur Spaß? Ist doch Satire, FDP und Union müssen das aushalten? Vielleicht. Doch dass es Böhmermann ernst damit ist, ungeliebte Stimmen aus dem Diskurs auszuschließen, zeigte sich bei einer Podiumsdiskussion der Wochenzeitung Die Zeit. Dort warf Böhmermann dem ZDF-Kollegen Markus Lanz vor, Virologen wie Hendrik Streeck und Alexander Kekulé einzuladen, obwohl man „fachlich sagt, das ist keine gute Sache“. Wer entscheide über die fachliche Eignung, fragte Lanz zurück. Böhmermann knapp: „Die Leute, die Ahnung haben.“ Der Vorwurf lautet also, zugunsten der Einschaltquote einer „false balance“ Vorschub zu leisten. Wichtig ist aber: Kekulé und Streeck lagen mit Einschätzungen daneben und wurden zu Recht kritisiert, aber sie sind keine Querdenker, die die Existenz des Virus leugnen oder den Impfstoff für Teufelswerk halten.

          Satire ist traditionell eher links

          Nach der Diskussion legte Böhmermann auf Twitter nach: „Meinungen im öffentlichen Raum sollten einer strengen, umfassenden medialen und gesellschaftlichen Qualitätskontrolle standhalten.“ Wer das anders sehe, solle seine Meinung „gerne in die Replys“ schreiben – das können allerdings nur Nutzer, die von Böhmermann erwähnt wurden, für den Rest sind die Kommentare unsichtbar. So oder so bleibt die Frage, welche ominöse Kommission die „Qualitätskontrolle“ durchführen soll, von der Böhmermann fantasiert.

          Bild-Chefredakteur Julian Reichelt warf Böhmermann nach dem Auftritt „politische Propaganda“ vor und monierte, dass wir alle „für diesen Quatsch“ im Öffentlich-Rechtlichen bezahlen müssen. Man kann nur froh sein, dass man nicht für den viel größeren Quatsch in der Bild bezahlen muss, man schmunzelt über die „journalistischen Standards“, die Reichelt seinem Blatt zuschreibt. Aber in einer Sache hat er recht: „In Satireshows wird ganz klar eine politische Richtung bevorzugt, nämlich eine links-grüne Richtung.“

          Satire ist traditionell eher links. Wird sie aber zu purer Beeinflussung und will unliebsame Sprecher ausschließen, sollte das auch Linken zu denken geben. Zumal in Zeiten, in denen die abendliche Satireshow für wenig nachrichtenaffine Zuschauer als erste Informationsquelle fungieren dürfte, quasi als „Sendung mit der Maus für Erwachsene“, wie Claus von Wagner von „Die Anstalt“ über sein politisches Kabarett im ZDF sagt.

          Wenn das linksliberale Programm mit gesundem Menschenverstand oder der guten Sache gleichgesetzt wird, führt das schlimmstenfalls dazu, dass alles, das nicht links der Mitte ist, in einen Topf fliegt – wie bei Böhmermanns „AFDP“. Es ist aber nicht einerlei, ob man es mit demokratischen Parteien wie der FDP oder der CDU zu tun hat oder der AfD, die unsere Grundordnung am liebsten abschaffen würde.

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