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Dokumentation über Irak-Krieg : Eines stolzen Landes Reise in die Nacht

  • -Aktualisiert am

Man nennt sie „Mutter des Iraks“: Die Sunnitin Um Qusay rettete Hunderte schiitische Rekruten vor dem IS. Bild: © Keo Films Ltd 2020

Der perfekte Sturm: James Bluemels überragende Dokumentation rollt den Irak-Krieg aus der Bodenperspektive auf. Das ist faszinierend und erschütternd. Ein Antimärchen.

          4 Min.

          Stille kann entwaffnend sein. Wenn Rudy Reyes, ehemaliger Marine Recon der amerikanischen Armee, dessen Spezialeinheit im Jahr 2003 die Invasion des Iraks vorbereitete, gefragt wird, ob er glaube, sein Einsatz, den er später in der HBO-Serie „Generation Kill“ selbst nachspielte, habe sich, aufs Ganze gesehen, gelohnt, antwortet er knapp: „Ja, das hat es.“ Dann folgt die Stille. Der Mann mit der Rambo-Aura, der eben noch berichtet hatte, wie man ganze Familien („Opa, Mama und die Kinder“) an einem Checkpoint auslöschte, weil ihr Wagen an einem Warnschild vorübergefahren war – dass einige Iraker nicht lesen konnten, hatten niemand bedacht –, sieht zu Boden. Der Blick wandert nach innen, so ist das bei vielen der Interviewten hier: Auf einen Schlag sind sie wieder mitten im Krieg. Dann schiebt er nach: „Ich meine, es muss es wert gewesen sein. Was wäre denn die Alternative?“

          Die Alternative wäre wohl, anzuerkennen, dass der Irak-Krieg nicht nur ein strategischer Fehler war, sondern eine Katastrophe mit Ansage, bei der westliche Ignoranz und Überheblichkeit eine entscheidende Rolle spielten. Als Befreier auftretend, ohne Verantwortung für das destabilisierte Land übernehmen zu wollen, riss man im Nahen Osten die Tore zur Hölle auf. Lieutenant Colonel Nate Sassaman, von 2003 bis 2004 ein führender amerikanischer Kommandeur im „sunnitischen Dreieck“, sagt es ganz direkt: „Wir haben dem IS den Boden bereitet. Wir waren das.“

          Hochpräzise Eroberung, stümperhafte Besatzung

          Wirklich neu ist diese (Selbst-)Erkenntnis nicht, aber so erschütternd direkt wie in James Bluemels herausragender, ganz auf der Darstellung von gut ausgewählten Beteiligten – Soldaten wie Zivilisten – und auf wuchtigem, oftmals privatem Bildmaterial ruhender Dokumentarserie „Es war einmal im Irak“ wurde der Weg des altehrwürdigen Landes in die Anarchie noch nicht nachgezeichnet. Bereits auf dem vergangenen Film Festival Cologne überstrahlte dieser Beitrag alles andere, und Andrew Neil, der vielleicht einflussreichste politische Kommentator Großbritanniens, hält die Produktion „von globaler Signifikanz“ für „ganz einfach die beste Dokumentarserie, die die BBC je gemacht hat“. Es ist höchst begrüßenswert, dass Arte und das ZDF die Serie nach Deutschland bringen.

          Die Schlüsselfigur ist der aus Bagdad stammende Filmemacher Waleed Nesyif, der unbestechlich und mit bitterer Ironie auf die vergangenen achtzehn Jahre zurückblickt. Gleich zu Beginn räumt er mit der Mär auf, alle Iraker hätten in Amerika immer schon den Erzfeind gesehen. Ganz vernarrt sei er in alles Amerikanische gewesen, und damit war er offenbar nicht alleine, wie amüsante Aufnahmen eines irakischen Fake-McDonald’s („Ma Donal“) zeigen. Den zunächst so erfolgreichen Einmarsch habe er begrüßt, sich als Achtzehnjähriger den Koalitionstruppen als Übersetzer angeboten und bald Journalisten durch das Land begleitet. Da wurde ihm klar, dass die große Schlacht gerade erst begonnen hatte. Und er sah das wahre Gesicht des Krieges. In einer der ergreifendsten Szenen der Serie, in der viele verstörende Bilder zu sehen sind (teils aus Filmaufnahmen des IS), wühlt ein Beduine mit bloßen Händen im Sand und fördert ein Schulbuch und eine Puppe zutage, Besitztümer seiner Kinder, die wie seine gesamte Familie bei einem amerikanischen Helikopterangriff mitten in der Wüste getötet wurden. „So sei eben der Job“, bestätigt Reyes. Statt „Ja“ habe man „Kill“ gebrüllt.

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