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„Empörte Republik“ bei 3sat : Die letzten Mohikaner

  • -Aktualisiert am

Auf eine Tasse Tee mit Jan Fleischhauer Bild: ZDF und Harald Schmuck

Bei 3sat fragt der Publizist Jakob Augstein, wie und von wem in der digitalen Welt Meinung gemacht wird. Er porträtiert „Die empörte Republik“. Reicht es für eine Erkenntnis?

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          Am Anfang dieses Films steht eine irritierende Frage. Wie könne es sein, „dass die Kraft der Empörung bei uns so ins Nichts läuft?“. Das widerspricht der Wahrnehmung, die unsere Gesellschaft mit der zunehmenden Polarisierung dem politischen Abgrund entgegensteuern sieht. Die Antwort versuchen Jakob Augstein und Tim Klimeš (Regie) in „Die empörte Republik“ zu geben, oder, besser formuliert: Sie kennen die Antwort nicht.

          Vielmehr tastet sich Augstein an jene Veränderungen heran, die die Digitalisierung für uns alle und für den Begriff der Öffentlichkeit bedeutet. Dafür muss man das haben, was guten Journalismus schon immer auszeichnete: Neugierde. Was darunter zu verstehen ist, macht Jan Fleischhauer deutlich. Ihm war die Teilnahme an einer Geburtstagsfeier des langjährigen „Spiegel“-Kollegen Matthias Matussek vorgeworfen worden. Dort war unter anderen ein junger Mann zu Gast, welcher der Bewegung der Identitären zugehört. Mit Nazis feiern – so lautete die Reaktion im empörten Netz. Für Fleischhauer war es dagegen eine verpasste Gelegenheit, mit dem Betreffenden ins Gespräch zu kommen, so sagte er es Augstein. Dabei ist der „Focus“-Kolumnist keineswegs ein Vertreter jener journalistischen Traurigkeit namens Langeweile. Er weiß die Erwartungen seines Publikums zu bedienen, weshalb die Erwähnung der „Hofschranze des ZDF“ (wer an dieser Stelle auf den Moderator Jan Böhmermann tippt, liegt richtig) nicht fehlen darf.

          Jakob Augstein auf Recherchetour

          Historisch sind die Journalisten in Erinnerung geblieben, die sich durch eine vergleichbare Lust an der Pointe auszeichneten und zudem noch argumentieren konnten. Das war früher genauso selten wie heute. Nur was unterschied dann diese untergegangene Welt von den heutigen Verhältnissen? Mit Stefan Aust kommt einer der letzten Vertreter jener zu Wort, die man einst Meinungsmacher nannte. Der heutige Herausgeber der „Welt“ gewährt einen Einblick in diese alten Zeiten am Beispiel des Umgangs mit der Flüchtlingskrise im Jahr 2015. Aust stellt die Frage, welche Folgen eine Ablehnung der Grenzöffnung durch die „Bild“-Zeitung gehabt hätte. Ob man nicht „eine Empörung bei manchen Leuten erregt hätte, die man nicht erregen will“. Augstein interpretiert den damaligen „Refugees welcome“-Kurs des Boulevardblatts als eine Art Anordnung des Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner, womit dieser zum „letzten Mohikaner“ einst mächtiger Medienmacher geworden sei.

          Tatsächlich aber war weniger die in den meisten Medien vertretene Auffassung zu diesem Thema das Problem, sondern die Unfähigkeit des etablierten Parteiensystems, auf das Negative, das der ersten Euphorie folgte, angemessen zu reagieren. Die aus der Grenzöffnung resultierende Polarisierung der Gesellschaft wurde ignoriert. Der Bundestag wurde zum monolithischen Block auf Regierungslinie, wo die über die Medien vermittelten Debatten nur noch außerparlamentarische Resonanz fanden. Selbst der wortgewaltigste Publizist musste schon vor Jahrzehnten scheitern, wenn seine Worte im politischen Raum folgenlos verhallten.

          Digitale Scheinriesen

          Die Meinungsmacher früherer Zeiten waren nicht so mächtig, wie es uns heute erscheint. Für die Kulturwissenschaftlerin Inge Baxmann waren in dieser alten Medienwelt, „die politischen Parteien über die Mainstreammedien die Gatekeeper der politischen Kommunikation“, so formuliert sie das im Film. Waren sie aber nicht eher Instanzen, um die Konflikte in einen politischen Prozess zu transformieren? Das kann durchaus die Perspektive auf die Digitalisierung verändern. Etwa wenn Augstein mit der früheren Europaabgeordneten Julia Reda über politischen Aktivismus im Internet spricht. Nur sind diese Bewegungen zumeist digitale Scheinriesen, deren Wirkung sich vor allem auf Medienresonanz beschränkt. Wo sich am Ende „die Empörung ins Nichts verliert“, wie es Augstein in seiner Eingangsfrage formuliert.

          So bleibt das letzte Wort dem verstorbenen Mitherausgeber dieser Zeitung, Frank Schirrmacher, überlassen. Digitalisierung sei keine Debatte über Technologie, sondern über deren „gesellschaftliche und politische Anwendung“, so zitiert ihn Augstein. Dieser Film bietet zahllose Anregungen, um über die Bedeutung dieses Satzes nachzudenken. Die Zuschauer sollten diese Chance nutzen. Diese Empfehlung gilt nicht nur für die übrig gebliebenen Mohikaner.

          Die empörte Republik läuft am Samstag um 19.20 Uhr bei 3sat

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