https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/italienisches-staatsfernsehen-rai-bietet-mafia-clan-buehne-13795701.html

Skandal bei Rai Uno : Die Mafia sitzt im italienischen Fernsehen

  • -Aktualisiert am

Bitte recht freundlich: Talkmaster Bruno Vespa plauscht mit der Tochter und dem Enkel des Mafia-Paten Casamonica. Bild: Rai

Das Prunkbegräbnis eines Mafia-Paten löste in Rom einen Skandal aus, der noch nicht zu Ende ist. Auf Rai Uno preisen zwei Mitglieder des berüchtigten Casamonica-Clans den Toten wie einen Heiligen.

          2 Min.

          Das hat Italien noch nie gesehen: Zur besten Sendezeit und im ersten staatlichen Sender Rai Uno durfte sich in einem der bisher angesehensten politischen Fernseh-Salons die berüchtigte römische Mafia-Familie Casamonica präsentieren: Bruno Vespa bot in seiner Talkshow „Porta a Porta“ der Tochter Vera und dem Enkel Vittorio jun. des verstorbenen Clanchefs Vittorio Casamonica eine offene Bühne.

          Der Zuschauer traute seinen Augen kaum: Da konnte im schwarzen schulterfreien T-Shirt über einem weißen langen Rock und schwarzen Stöckelschuhen Vera Casamonica ihren Vater mit Papst Johannes Paul II. vergleichen; der Verstorbene sei für sie und die Familie wie ein Heiliger gewesen, befand sie. Die Staatsanwaltschaft hingegen sieht den Verstorbenen als Padrone eines Sinti-Clans, der es mit Rauschgift- und Menschenhandel, mit Erpressung und Betrug zu einem Vermögen von etwa neunzig Millionen Euro gebracht hat. Mehr als ein Dutzend Angehörige des Clans saßen oder sitzen zurzeit in Haft.

          Der Enkel des Paten schweigt

          Mutmaßlich weil einer der Söhne dieses Padrone daheim in Hausarrest bleiben muss, hatte Vespa neben der stolzen Vera noch den Enkel Vittorio eingeladen. Der saß neben ihr im schwarzen Hemd und schwarzen Jeans und wusste offensichtlich nicht so recht, wie man sich in einem Fernsehstudio benimmt. Der Junior schwieg meist. Doch wenn beide nicht schlagfertig genug waren, mischte sich der Anwalt der Familie ein.

          Triumphzug: Der Leichnam des Clanchefs wurde in einer prunkvollen, sechsspännigen Kutsche vor die Kirche gefahren.
          Triumphzug: Der Leichnam des Clanchefs wurde in einer prunkvollen, sechsspännigen Kutsche vor die Kirche gefahren. : Bild: Reuters

          Dabei verwickelte Bruno Vespa seine Gäste keineswegs in ein Kreuzverhör. Vielmehr ging es ihm offenbar vor allem darum, den weißen Anzug, in dem der Tote auf einer meterhohen Leinwand bei der Trauerfeier gezeigt worden war, optisch in die Nähe zum weißen Habit des Papstes zu rücken; und da hatten es die Casamonicas leicht: Nun gut, sagte Vera, aber das war ein normaler Straßenanzug und nichts mehr. Dabei hätte man gerne gewusst, wie man zum Beispiel die Polizei so an der Nase herumführt, dass man eine sechsspännige Kutsche zum Transport des Sargs in einem langen Zug von Luxuskarossen mit den Trauerkränzen durch die Stadt schicken und aus einem Hubschrauber rote Rosen auf den Sarg regnen lassen kann.

          Verbrechen salonfähig gemacht

          Seit die Regierung von Matteo Renzi an der Macht ist und so etwas wie stabile Verhältnisse in Italiens Politik eingetreten sind, haben es politische Talkshows schwer. Bruno Vespa, der als Mentor dieser Art von Debatten-Kultur gilt und bei dem früher sein Freund Silvio Berlusconi und dessen gesamte politische Brut stets ein offenes Forum hatten, wurde wegen dieser Normalität mit seiner Sendung „Porta a Porta“ kaum mehr beachtet. Das muss ihn so gekränkt haben, dass er nun zur Hebung der Zuschauerzahlen zum Äußersten griff. 1,34 Millionen Zuschauer sahen dann auch seine Sendung; fast so viele wie die am Abend zuvor mit dem Studiogast Renzi.

          „Ein feiner Mann“: Trauernde während der Feier für den Verstorbenen
          „Ein feiner Mann“: Trauernde während der Feier für den Verstorbenen : Bild: AP

          Aber nun muss sich der aalglatte Vespa der Kritik von fast allen Seiten stellen. Roms Bürgermeister Ignazio Marino sagte, man sollte die Sendung verschrotten. Er werde nie mehr „Porta a Porta“ sehen, denn Vespa habe die Würde der Stadt verletzt. Diese Sendung habe nicht informiert, sondern versucht, das Verbrechen salonfähig zu machen. Darauf entgegnete Vespa: „In der Tat hat Rom seine Würde verloren, aber doch nicht durch diese Sendung, sondern durch die Politik.“

          Juristisch lasse sich womöglich nichts gegen diese Sendung machen, sagte der Präfekt von Rom, Franco Gabrielli; Vespa habe sich freilich als jemand entlarvt, der den Kontakt zur Mafia nicht scheue. Berlusconis Forza Italia hat derweil nichts an der Sendung auszusetzen. Sein Fraktionssprecher im Abgeordnetenhaus Renato Brunetta meinte, Vespa sei ein guter Journalist, der seine Zuschauer zu informieren wisse. Der Vorsitzende der parlamentarischen Kontrollkommission der Rai, Roberto Fico, stellte hingegen fest: Auch wer beim staatlichen Fernsehen arbeitet, ist nicht unantastbar. Die nächste Kommissionssitzung kommt bestimmt.

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Wie knackt man einen Clan?

          „Tatort“ aus Stuttgart : Wie knackt man einen Clan?

          Und zu welchem Preis? Wer muss ihn zahlen? Der Stuttgarter „Tatort“ versucht sich erfolgreich als Sozialstudie. Es geht um einen 13-Jährigen, der zwischen Familienzwang und seinem Gewissen hin- und hergerissen ist.

          Von passionierten Sammlern

          Old Masters in New York : Von passionierten Sammlern

          Das Angebot der Altmeisterauktionen bei Christie’s und Sotheby’s in New York beweist: Wahre Kennerschaft bleibt immer aktuell. Dafür steht auch Claudia Quentins phänomenale Statuettenkollektion.

          Unser aller Schulden

          Globale Erwärmung : Unser aller Schulden

          Europäer und Nordamerikaner haben den Klimawandel verursacht, aber am meisten leiden Afrikaner, Asiaten, Südamerikaner. Dürfen die Länder des Südens dafür Reparationen fordern? Ein Symposion in Berlin.

          Topmeldungen

          Hinter Kapuzen und Masken versteckt, betraten die beiden angeklagten Lehrerinnen zum Auftakt der Prozesses das Landgericht Mönchengladbach.

          Prozess um tote Schülerin : „Emily geht’s richtig scheiße“

          Die 13 Jahre alte Diabetikerin Emily starb während einer Studienreise. Welche Schuld trifft die beiden angeklagten Lehrerinnen? Beim Prozess in Mönchengladbach geht es auch um grundsätzliche Fragen zur Aufsichtspflicht.