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Italienisches Fernsehen : Mit dem „Rasseferkelchen“ auf der Couch

  • -Aktualisiert am

Zum Täßchen Kaffee ins Außenministerium: Elisabetta Gregoraci Bild: AP

Sex, Lügen und die älteren Herren aus der Politik: Wie bei dem italienischen Staatsfernsehen Rai Moderatorinnen an ihre Jobs kommen. Die Justiz spricht von „sexueller Erpressung“.

          Eine Einladung zum Abendessen und ein Sofa - mehr braucht es nach Aussage eines Showgirls nicht, um eine Anstellung beim italienischen Staatsfernsehen Rai zu bekommen. Diese sachliche Beschreibung eines Vorgangs, bei dem mächtige Funktionäre sich ihr Entgegenkommen mit Sex entgelten lassen, entspricht so ziemlich der volkstümlichen Vorstellung, wie es in der Welt des Showgeschäfts so zugeht.

          Nun haben es die Italiener auch amtlich: Bei der ausgedehnten Abhöraktion wegen illegaler Glücksspiel- und Prostitutionsgeschäfte einer einflußreichen Gruppe, in die auch der Thronfolger der einstigen Königsdynastie der Savoyer verwickelt ist, stieß die Staatsanwaltschaft auch auf zahlreiche anzügliche Gespräche über Fernsehpersonalien. Zwei Funktionäre der Rai wurden bereits suspendiert. Noch beunruhigender ist die Verwicklung von Salvatore Sottile, Sprecher des Parteichefs der exfaschistischen „Alleanza nazionale“ und bis vor ein paar Wochen einer der mächtigsten Männer im italienischen Außenministerium.

          Hilfestellung für notleidende Showgirls

          Der Sizilianer Sottile sieht so aus wie viele Politiker in Italien: blauer Anzug, gedrungen, kahlköpfig, bejahrt. Seine mangelnde erotische Attraktivität vermochte der agile Mann aber offenbar durch Hilfestellung für notleidene Showgirls aufzubessern. In den Telefonaten stellte der Sprecher des Außenministers seine besten Kontakte zu attraktiven Soubretten gerne heraus, sprach von „Rasseferkelchen“ oder lobte ein Showgirl für ihre weißen Pants, in denen sie „wie ein Pferdchen“ umherstolziert sei.

          Unwiderstehliches Strahlen

          Elisabetta Gregoraci, Verlobte des Formel-eins-Rennstallmanagers und Playboys Flavio Briatore, wurde von Sottile gar zu einem unverfänglichen Täßchen Kaffee ins Außenministerium eingeladen. Für die Staatsanwälte ist damit der Fall klar: Sie sehen den Straftatbestand der „sexuellen Erpressung“ als erfüllt. Für das „Ferkelchen“ Gregoraci begann mit der indiskreten Publikation der Telefonprotokolle ein medialer Spießrutenlauf. Die sechsundzwanzigjährige Kalabresin mit den langen braunen Haaren und dem unwiderstehlichen Strahlen beeilte sich, zu versichern, daß sie mit Sottile einzig eine „freundschaftliche Beziehung“ verbinde. Wer anderes behaupte, werde von ihren Anwälten verklagt.

          Stellen über die Couch vergeben

          Die in der Versenkung verschwundene Showmasterin Paola Saluzzi bezeichnete es reuig als „großen Fehler“, professionelle Hilfe bei Sottile gesucht zu haben, doch ihr sei bei andauernder Arbeitslosigkeit nichts anderes übriggeblieben. Gleichzeitig wurden alte Gerüchte kolportiert, daß die rotgelockte Saluzzi zuvor als Favoritin des Generaldirektors Zaccaria beste Showtermine besetzt habe, von dessen Nachfolger Del Noce entmachtet wurde und offenbar stets die Protektion Mächtiger zu nutzen verstanden habe. So sieht sich Italien mit einem Reigen adretter junger Damen konfrontiert, die allesamt das „System Rai“, bei dem Stellen über die Couch vergeben wurden, bestätigen, persönlich aber nur durch Talent und Fleiß ihre Jobs bekommen haben wollen. Unnachahmlich beteuerte Elisabetta Gregoraci, sie habe ihre Karriere „mit dem Kopf“ gemacht. Umgekehrt erklärt der Gentleman Sottile, er habe sich mit den anzüglichen Telefonaten nur der Gunst junger Damen rühmen wollen.

          Solche Peinlichkeiten lenken jedoch von der eigentlichen Frage ab: Wie ist die Rai organisiert, wenn Parteisprecher im politischen Rom über die Besetzung von Ansagerinnenposten entscheiden? Warum können Mächtige überhaupt ins redaktionelle Tagesgeschäft hineinreden? Und ist es wirklich eine Frage der Staatsraison, welches Mädchen in allerhand Boulevardsendungen vor der Kamera ihre Weichteile zu schwenken hat?

          Hinter jedem Mädchen steht ein Politiker

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