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Italienischer Plan fürs Netz : Die Kunst des schönen Streamings

Den Versuch ist es wert: Italiens Kulturminister Dario Franceschini schwebt ein „Netflix der Kultur“ vor. Bild: AP

Italiens Kulturminister Dario Franceschini will ein „Netflix der Kultur“ schaffen. Dafür wird er von vielen belächelt. Aber wie viele Initiativen aus Europa für Anspruchsvolles im Internet gibt es denn schon?

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          Noch ist nicht bekannt, wie das Baby des italienischen Kulturministers Dario Franceschini heißen soll, das in ein paar Wochen das Licht der Welt erblicken wird und von dem manche hoffen, es sei der Heiland der Schönen Künste. Einen unverwechselbaren, klangvollen Namen werde es bekommen, hat Franceschini versprochen. Der Arbeitstitel lautet „Netflix der Kultur“.

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

          Seit dem Frühling, als Theater, Konzerthäuser, Museen und Kinos zum ersten Mal schließen mussten und viele der Institutionen sich kostenlos und mit kreativen Ideen über ihre Internetseiten oder die sozialen Medien für das Publikum öffneten, war immer wieder die Rede davon: von einer Online-Plattform, auf der das Beste der italienischen Kultur „on demand“ abrufbar sein könnte, um sie zu unterstützen und gewinnbringend in der Welt bekanntzumachen – verbunden mit einem starken öffentlichen Auftrag. Ähnlich wie beim Ideengeber Netflix, wo man als Nutzer zwischen verschiedenen Filmgenres wählen kann, müsse eine solche Kultur-Plattform über verschiedene „Kanäle“ verfügen, die jeweils einzelnen Genres wie Oper, Tanz, Theater, Pop oder den wichtigsten Museen im Land gewidmet seien. Abonnements für das Gesamtpaket oder für einzelne Kanäle seien denkbar, auch der Ticket-Erwerb für Veranstaltungen, audiovisuelle Produktionen und Podcasts. Sollte das Projekt erfolgreich sein, so Franceschinis ehrgeiziger Plan, seien digitale Kooperationen auf europäischer Ebene anzustreben, um eine kulturelle Allianz der Alten Welt zu bilden, die den Netzriesen des Silicon Valley die Stirn bieten kann.

          Von nicht wenigen wurde der Kulturminister belächelt. Er zaubere doch nur ein weiteres riesiges weißes Kaninchen aus dem Hut, um von dem schleichenden Tod der Kultureinrichtungen in der Pandemie und dem staatlichen Versagen abzulenken. Doch Franceschini ist es ernst: In der vergangenen Woche haben die Vertragspartner unterzeichnet, in dieser Woche ist der Termin beim Notar.

          Neben dem Ministerium für Kulturgüter und Tourismus, das als eine Art inhaltliche Kontrollinstanz fungieren soll, sind die italienische Staatsbank Cassa Depositi e Prestiti beteiligt sowie als technischer Partner das private Start-up Unternehmen „Chili TV“. Der 2012 in Mailand gegründete Video-on-Demand-Anbieter vertreibt 50 000 Filme in fünf Länder und verfügt über einen Kundenstamm von 4,5 Millionen Nutzern. Für Irritationen und Kritik sorgt, dass die staatliche Rai nicht beteiligt ist. Sie ist eines der wichtigsten Vehikel für die Verbreitung von Kultur und verfügte mit ihrem Multimediaportal RaiPlay schon über die notwendigen technischen Voraussetzungen. Als öffentlich-rechtliche Einrichtung sind ihr jedoch die Hände gebunden, ihr Angebot zu monetarisieren. Genau darauf aber kommt es Franceschini an: Sein „Netflix der Kultur“ soll wirtschaftlich rentabel sein. Mit zehn Millionen Euro wird sein Ministerium den Start unterstützen.

          „Diese öffentlichen Gelder hätte man besser für das Überleben der physischen Vergnügungsstätten verwendet sollen“, ätzte „Il Manifesto“. Ähnlich kritisch haben andere Zeitungen reagiert. Von einer „digitalen Besessenheit“ des Kulturministers ist die Rede; von „kulturellem Provinzialismus, dem es völlig an Managementfähigkeiten, Verständnis und Produktkreation mangelt, was stattdessen die Grundlage des Erfolgs von Netflix, Prime und Disney ist“.

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