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Google-Logo : Grotesk

  • -Aktualisiert am

Hier noch mit Querlinien: Das alte Google-Logo. Bild: dpa

Mit seinen Algorithmen hat sich Google das Netz zum Untertan gemacht. Die Schrifttype des neuen Logos hat keine Widerstriche – eine Selbstcharakterisierung?

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          Was will uns Google damit sagen? Sein altes Logo hat der Internet-Riese weggewischt und zeigt mit einem „Doodle“ in eigener Sache – einer dieser niedlichen Animationen über der Suchmaske – das neue. Eine kleine weiße Hand malt Buchstabe für Buchstabe den Firmennamen in frischer Form, wie mit dicker Straßenmalkreide, in bewährtem, kindlich vergnügtem Blau, Rot, Gelb, Grün. Die Schrift ist deutlich fetter als zuvor. Was zu dem Umstand passt, dass sich ja auch Google immer breiter macht. In siebzehn Jahren hat die Gründung von Larry Page und Sergey Brin, die alles, nur nicht böse sein will, sich mit ihren Algorithmen das Netz untertan gemacht: Sie vervollständigt, weil sie uns mit jedem Klick besser kennt, unsere Fragen, bevor wir sie formuliert haben, bestimmt, welche Antworten wir finden, verstärkt unsere Vorlieben, serviert passende Werbung und hat in Europa eine beispiellose Vormachtstellung aufgebaut: Mehr als neunzig Prozent aller, die im Netz auf Suche sind, nutzen Google. In Amerika sind es knapp siebzig Prozent.

          Dafür muss sich Google dort auch nicht mit Unpässlichkeiten wie dem „Recht auf Vergessen“ oder Klagen wegen Verstößen gegen das Wettbewerbsrecht herumschlagen, sondern kann die Umbenennung des Konzerns in „Alphabet“ genießen. Google, das A und O, das Geld mit Gesundheitsdaten und smarter Energieversorgung macht – das sind Aussichten. Von wegen nur eine Suchmaschine, hier buchstabiert sich ein Unternehmen neu aus. Steckt also hinter dem Verlust der Schnörkel, genauer gesagt: der Serifen – denn so heißen die Querlinien, die an den Buchstabenabstrichen daran erinnerten, dass Lettern einmal in Stein gemeißelt waren –, wirklich nur der Wunsch, den Schriftzug für Smartphones zu optimieren, wie Google sagt? Vielleicht ist der Schriftzug, den Designer im Netz als einfallslos bemäkeln, eine versteckte Selbstcharakterisierung. Die Schrifttype ohne Widerstriche, sozusagen das Gegenbild der in Brüche und Gegenbewegungen geradezu verliebten Fraktur, heißt nämlich „Grotesk“. Weil die Menschen, als sie als Werbetypographie im neunzehnten Jahrhundert aufkam, sie seltsam fanden. Aber irgendwie doch anziehend.

          Das ist ja der Trick am Grotesken, seit die Renaissance in verborgenen Höhlen – „grotte“ –, die dann doch keine waren, unter dem Palast des sympathischen Kaisers Nero in Rom Schnörkelwerk fand, das alles so wild verzerrt ineinanderwuchern ließ, dass kaum noch Platz blieb für anderes. Grotesk, das war von nun an die untrennbare Verbindung von Grauen und Komik, Schönheit und Monstrosität und rankt als Stilmittel für alle, die der Weltordnung misstrauen, durch sämtliche Kunstformen. Grotesk, das war für den Literaturtheoretiker Michail Bachtin ein Leib im Werden, etwas ohne feste Grenzen, das kann in den großen Karneval führen oder ins Gruselkabinett. Passt irgendwie zu Google, obwohl sein neues Logo so glatt und clean und heiter daherkommt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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