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Ist Google schuld? : Die Macht der Maschinen über unsere Zukunft

  • -Aktualisiert am

Logo vor der Google-Zentrale in Mountain View Bild: AFP

Die Erzähler unserer Leben sind bald nicht mehr wir selber, sondern die Maschinen: Sie sagen, wie es mit uns weitergeht. Es ist an der Zeit, die digitale Revolution in ihrer ganzen Wucht zu erkennen. Wir müssen die Selbstbestimmung über unser digitales Profil zurückgewinnen.

          Google zahlt jetzt den Preis dafür, dass es zum Synonym für das Internet geworden ist. Es mehren sich Stimmen, die nicht nur vor der atemberaubenden Marktmacht des Unternehmens warnen, sondern sich auch vor seiner analytischen Intelligenz fürchten. Die Suchmaschine ist ein geniales Werkzeug, um Antworten, Waren, Wege und Menschen zu finden. Doch seit die Google-Kameraautos durch die Straßen rollen, ahnen immer mehr Menschen, wie sehr das ein Geschäft auf Gegenseitigkeit ist: sie finden durch den Gebrauch der Maschine nicht nur etwas, sondern sie werden auch von Etwas gefunden. Google soll der Schuldige sein - das ist so, als würde Gottlieb Daimler postum für die Klimaerwärmung verantwortlich gemacht.

          Man kann Google manches vorwerfen, aber nicht, dass es seine Visionen, alles Wissen der Welt zu organisieren, je verschwiegen hätte. Mit wem man es zu tun hatte, war lange bekannt, warum also jetzt die Aufregung?

          In die Zukunft rechnen

          Die Antwort lautet, dass Google immer besser wird. Der zunehmende digitale Vernetzungsgrad der Gesellschaft hat nicht nur immer mehr Menschen in die faszinierenden Möglichkeiten digitaler Technologien eingebunden, sondern sie auch mit dem Umstand konfrontiert, dass die Masse der Daten stündlich wächst. Allein dadurch wächst die Triftigkeit der Aussagen, die man über Menschen machen kann, auch wenn deren Identität gar nicht bekannt ist. Wer glaubt, es reiche, anonym durch die digitale Welt zu wandern, täuscht sich. Eine gleichsam anthropologische Erkenntnis des digitalen Zeitalters lautet, dass Menschen, wenn man sie nur durch mathematische Modellierung in entsprechend differenzierte Einheiten unterteilt, so verschieden gar nicht sind. Kennen wir das Muster, können wir immer bessere Aussagen über die Zukunft machen. Das Netz vergisst nichts, lautet ein beliebter Satz. Aber es geht gar nicht mehr ums Vergessen. Die immer wichtiger werdende Frage lautet, was die Maschinen über die Zukunft von Menschen voraussagen.

          Sichtbarster Tempel des digitalen Zeitalters: Google mit seiner Zentrale in Mountain View

          Der Amerikaner Stephen Baker hat gezeigt, welche Techniken in Unternehmen bereits im Einsatz sind. Webbasierte Tests erlauben es, dem Mitarbeiter ein Profil zu geben, das nach jedem beliebigen Parameter abgefragt werden kann. Im Kern geht es nicht nur darum, herauszufinden, was ein Bewerber oder Mitarbeiter heute wert ist, sondern was er, verglichen mit Angehörigen seines digitalen Stammes, später wert sein wird. Ähnliches gibt es im Gesundheitswesen, bei der Kreditvergabe, der Kriminalitätsprävention und der Terrorabwehr. Wer glaubt, er habe nichts zu verbergen, weiß nicht, dass die Erzähler unserer Leben bald nicht mehr wir selber sind, sondern die Maschinen: sie sagen, wie es mit uns weitergeht und wie die Geschichte endet - und zwar, wie aktuell bei amerikanischen Krankenkassen, mit der Selbstsicherheit, die nur Mathematiker haben. Ob die Systeme leisten, was sie versprechen ist, irrelevant - der Börsencrash hat gezeigt, dass es genügt, wenn die entscheidenden Leute an sie glauben.

          Aufklärung der digital Entmündigten

          Google ist der sichtbarste Tempel des digitalen Zeitalters. Aber gerade weil es so sichtbar ist, ist es eben auch eine Akademie der Aufklärung. So paradox es klingt: Wenn ein Unternehmen einen über die Gefahren des digital entmündigten Menschen aufklärt, dann ist es die Suchmaschine des Konzerns. Das heißt nicht, dass Google nicht kritisiert werden sollte. Aber es heißt auch, dass nach Lage der Dinge Google in dieser Frage ein Verbündeter sein kann.

          Die Fixiertheit auf das Unternehmen ist in dieser Frage deshalb so fatal, weil sie übersieht, wie gigantisch der Wandel ist, dem die Gesellschaften unterworfen sind. Wir sind gewohnt, dass uns Bücher, Musikdateien, Freunde angeboten werden, die zu uns passen. Wie alles in der binären Welt geht das auch umgekehrt: dass Menschen gefunden werden, die zu einem Verdacht, zu einer Produktivitäts- oder Krankheitsdiagnose passen.

          Dolmetscher der technologischen Intelligenz

          Der Vorschlag des Chaos Computer Club, jeden Bürger mit einer Art Pass über seine digitalen Profile aufzuklären, ist nicht paranoid, sondern ein Wesenskern digitaler Selbstbestimmung - auch für diejenigen, die nicht wollen, dass ihre Kinder als mathematische Profile auf Arbeitsplatzsuche gehen. Aber das reicht nicht. Es ist an der Zeit, die digitale Revolution, die mehr ist als das Web 2.0, in ihrer ganzen Wucht zu erkennen. Enquete-Kommissionen genügen nicht, und in Zeiten des mobilen Netzes ist es eher komisch, Blogger wie Exoten als Fachleute für eine Welt anzuheuern, in der schon Hundertjährige wie selbstverständlich unterwegs sind. Jeder surft und kommuniziert heute im Netz. Wir sollten über die schimmernden Objekte nicht mehr staunen, sondern ihre Funktionsabläufe zum Allgemeinwissen machen.

          Die Informatiker müssen aus den Nischen in die Mitte der Gesellschaft geholt werden. Sie müssen die Scripts erklären, nach denen wir handeln und bewertet werden. Was ist voraussagende Suche und was kann sie? Was ist „profiling“? Wer liest uns, während wir lesen? Technologien sind neutral, es kommt darauf an, wie wir sie benutzen. Um das zu können, brauchen wir Dolmetscher aus der technologischen Intelligenz. In Amerika hat die Debatte mit der Computer-Intelligenz längst begonnen. Wir sollten schleunigst mittun.

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