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Das Videospiel „Fall Guys“ : Ist doch ein Kinderspiel

Viele bunte Vögel: In „Fall Guys“ dreht sich alles um den grell angestrichenen Spaß am Besser-Sein. Bild: Mediatonic

Warum sind Gamer verrückt nach „Fall Guys“? Das Spiel ist bunt, simpel und lädt ein, anderen ein Bein zu stellen. Doch eigentlich dreht sich alles um den grell angestrichenen Spaß am Besser-Sein.

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          Man wird misstrauisch, wenn das quietschbunte, aber in Sachen Anspruch und Unterhaltung eher übersichtliche Medienprodukt einer Boombranche laut einschlägigen und weniger einschlägigen Publikationen als „weltweit in aller Munde“, „ein riesiger Erfolg“, „das feel-good-game des Sommers“, „der Hit des Jahres“, „wacklig, ungenau, saublöd“ – und genau deshalb „so gut“ angepriesen wird; angeblich ein Videospiel-Titel, dessen „Erfolge und Rekorde nicht abreißen“ und den „jeder spielen will“. Da kann man als Kritiker noch so lange auf seinen Bauch hören, sich auf den Kopf stellen und wehren – irgendwann fürchtet man sich doch, das Geschrei, die Bilder-, Video- und Artikelflut weiter zu ignorieren. Das war beim „Phänomen“ Fortnite nicht anders, das zu großen Teilen schlicht ein Influencer-Marketing-Phänomen war, darüberhinaus allenfalls ein besseres „Candy Crush“, das allerdings Können verlangte.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Nun also „Fall Guys: Ultimate Knockout“. Entwickelt vom britischen Team von Mediatonic, wurde der Titel Anfang August marketingstrategisch offenbar so geschickt in die spaßbefreite Leere der Pandemie plaziert, dass videospielaffine Menschen sich und ihr Umfeld vergaßen. Laut Entwicklern zog das Spiel allein in den ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung 1,5 Millionen Spieler an. Bis zum 26. August wurde es auf der Spieleplattform „Steam“ mehr als sieben Millionen mal verkauft. Auf der Playstation-Plattform „PS Plus“ wurde es zum meistheruntergeladenen Titel aller Zeiten.

          Für Leute, die Bundesjugendspiele und Einstellungstests mögen

          Um „Fall Guys“ zu verstehen, hilft es, wenn man sich auf Youtube alte Ausschnitte der Spielshow „Takeshi’s Castle“ ansieht, die – später weltweit kopiert – als herrliche Paraphrase auf Japans Powerhouse-Kapitalismus in den Achtzigern auf dem japanischen Sender TBS lief und in Deutschland 1999 zum ersten Mal bei DSF ausgestrahlt wurde. In der Show kämpfte sich stets eine Gruppe waghalsiger Japaner durch einen bunten Hindernisparcours (bewegliche und drehbare Rollen, Stangen, Türen, Balken; meist mit Teich dabei), bis jener Rest, der alle Hindernisse gemeistert hatte, in einer Wasserschlacht gegen den Fürsten des titelgebenden Schlosses antreten durfte.

          „Fall Guys“ übersetzt genau das in ein kleinkindgerechtes Videospiel aus dem berüchtigten Battle-Royal-Genre, für das es keinen Superrechner braucht, aber in dem es am Ende immer nur einen Sieger geben kann. In einer Welt, die aussieht, als bestünde sie aus mit Einhorn-Saft lackierten Hüpfburg-Elementen, steuert man zusammen mit 59 anderen Spielern eine Art entfernt an die Minions erinnernde weiße Bohne mit schwarzen Knopfaugen im farbigen Jumpsuit durch Parcours und Mini-Spiele, in denen nach Farben sortierte Teams gegeneinander antreten. Die Spiele dauern selten mehr als ein paar Minuten, die Verlierer werden hinterher ausgesiebt. Sie werden aus einer Art Setzkasten in die Tiefe gestoßen. Im letzten Spiel kann sich immer nur einer der elf verbliebenen Kombattanten die goldene Krone schnappen.

          Der Reiz scheint nun für Leute, die Bundesjugendspiele, Bewerbungsgespräche, Einstellungstests, Assessment-Center, Konferenzen, Netzwerken und Völkerball lieben, nicht im Spiel selbst, also in der ermüdenden Wiederholung der ewig gleichen Parcours oder Wettkämpfe zu liegen. Sondern darin, die beste Taktik auszutüfteln, um möglichst schnell zu gewinnen – und damit besser zu sein als die anderen 59 Wettbewerbsteilnehmer. Manche wiederum haben Spaß daran, andere davon abhalten, die Ziellinie zu erreichen, gerne genau kurz davor.

          Doch all das wird von einer Mechanik übertroffen, die bereits anderen Spielen großen Erfolg beschert hat und aus der Realität in die virtuelle Welt der Spiele geschwappt ist: Mode als Statussymbol. Natürlich gibt es den Kampf um das individuelle Outfit der Spielfigur schon länger, doch seit Menschen wie in Fortnite Geld (durch sogenannte In-Game-Käufe) oder Zeit dafür aufwenden, bunte Kostüme oder lustige Gesten für ihre Figur zu ergattern, ist das Belohnungssystem durch die sogenannten „Skins“ zu einem wesentlichen Bestandteil der Motivation vieler Spieler geworden. So auch in „Fall Guys“, wo es anscheinend für größte Befriedigung sorgt, wenn eine Ananas im entscheidenden Endspurt einen Piraten von der Planke schubst. Und das muss man der kapitalistischen Idee dann einfach wieder lassen: Sie ist ein Meister der Verkleidung.

          Fall Guys: Ultimate Knockout ist für den Windows-PC und die Playstation 4 erhältlich und kostet etwa 20 Euro.

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