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Kommentar zu Albig-Interview : Augen auf bei der Bigotterie-Wahl!

Da war er geschlagen: Torsten Albig im Fernsehstudio am Abend der Schleswig-Holstein-Wahl. Bild: dpa

Nicht nur bei der SPD sollte man sich das mit der Kritik an Torsten Albigs „Bunte“-Interview lieber zweimal überlegen. Denn dahinter steckt eine gehörige Portion Heuchelei.

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          Von allen Erklärungen für die Wahlschlappe der Partei in Schleswig-Holstein scheint sich die SPD auf die peinlichste zu verständigen: Die Zeitschrift „Bunte“ ist schuld beziehungsweise das Interview, das der abgewählte Ministerpräsident Torsten Albig dort mit seiner neuen Lebensgefährtin Bärbel Boy gegeben hat.

          So wie einst dem Parteikollegen und Verteidigungsminister Rudolf Scharping, der für die „Bunte“ mit seiner damaligen neuen Liebe Kristina Gräfin Pilati in den Pool sprang, was eine fatale „Bin baden“-Welle auslöste, soll nun Torsten Albig zum Nachteil gereichen, dass er sich im Gespräch mit der Zeitschrift unter anderem offen und ehrlich zu den Gründen der Trennung von seiner Frau geäußert hat. Leider hätten sie „nicht genügend auf uns aufgepasst“, sein Leben habe sich „schneller als ihres“ entwickelt, sie hätten sich nur noch selten „auf Augenhöhe ausgetauscht“, er sei „beruflich ständig unterwegs“, seine Frau „in der Rolle als Mutter und Managerin unseres Haushaltes gefangen“ gewesen.

          Das Auseinanderleben rechnet sich Albig selbst zu, und man muss schon sehr böswillig sein, will man ihm dieses private Bekenntnis als herablassend oder als frauenfeindlich auslegen. Dass es im Sinne des Wahlkampfs nicht clever war, sich dergestalt im Rahmen einer Homestory zu präsentieren, ist etwas anderes. Doch sollten die Kollegen von Albigs eigener Partei und auch in den gegnerischen Reihen lieber zweimal darüber nachdenken, was aus dem Scherbengericht folgt, das sie gerade abhalten.

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          Es ist für Politiker schwer genug, ihr Privatleben privat zu halten und gleichzeitig so ins Rampenlicht zu rücken, dass es den taktischen Erwägungen der Polit-PR genügt, die Neugier der Journalisten und der Wähler befriedigt und obendrein nicht komplett gelogen ist. Normalerweise regiert in diesem Land die Häme über die Happy-Family/Heile-Welt-Show, wie sie Politiker zum Beispiel in den Vereinigten Staaten veranstalten. Jetzt regiert, während sonst gerade von der Gerechtigkeits-SPD des Martin Schulz Toleranz, Vielfalt und Inklusion gepredigt werden, die Häme über Torsten Albig. Man könnte das für ein wenig bigott halten.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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