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Im Kino „Mr.Turner“ : Ist das die Unsterblichkeit?

Bild: dpa

Mike Leighs Porträt des Malers William Turner ist ein Meisterwerk des Kinos - ein Blick ins menschliche Getriebe der Kunst. Wir haben mit dem Regisseur in Berlin über „Mr. Turner“ gesprochen.

          6 Min.

          Dies ist die Geschichte des Mannes, der das Licht gemalt hat. Nicht das lilagraue Büchsenlicht des Morgens, wie es Caspar David Friedrich, und auch nicht das tänzelnde Weiß der Wolken, wie es die Barockmaler auf die Leinwand gebracht haben. Sondern das satte, fette, lärmende, schreiende Licht, das die Schiffe auf ihren Fahrten über den Ozean begleitet, das Licht des Feuers, das in den Kesseln der Dampfschiffe glüht, die fauchende Lohe des Großbrands, der im Oktober 1834 das House of Parliament frisst, das Gleißen des Himmels über Venedig, das Blattgold des Sonnenuntergangs über dem Rheintal bei Heidelberg. Er hat dieses Licht in Schneestürme, Rauchsäulen und Regengüsse eingepackt, er hat es durch Fenster fließen und über Klippen stürzen lassen, vor allem aber hat er ihm mit seiner Malerei Eingang in die Moderne verschafft, in unsere Wahrnehmung, die viel mehr an Lichtern und Helligkeiten hängt als das Weltgefühl der Menschen vor uns.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Er - Joseph Mallord William Turner, ein einsames Licht unter den englischen Malern des neunzehnten Jahrhunderts, ein Vorbild von Impressionisten und Abstrakten bis hin zu Twombly und Klee. Bei Mike Leigh, der ihm seinen neuen Film gewidmet hat, heißt er nun einfach „Mr. Turner“.

          An einem hellen Herbstmorgen kehrt Mr. Turner von einer Reise nach Flandern in sein Londoner Atelier zurück. Er wuchtet seinen schweren, birnenförmig nach unten verdickten Körper vorbei an seiner Haushälterin Hannah Darby und umarmt seinen Vater, der Impresario, Agent und Malergehilfe in Personalunion ist. Dann tritt Turner vor seine Staffelei und fängt an, Farben zu mischen. Milchiges Licht strömt durch die geöffneten Fensterläden in den Raum. Er brauche Leinwände von soundsoviel Zoll Größe, knurrt er der Haushälterin zu, dazu Indigo und neue Pinsel. Und Turner senior macht sich auf den Weg, das Verlangte zu besorgen.

          Film ist ein organischer Prozess: der Regisseur Mike Leigh
          Film ist ein organischer Prozess: der Regisseur Mike Leigh : Bild: AP

          Man kann von großen Künstlern so erzählen, wie es Henri-Georges Clouzot mit Picasso getan hat: indem man sie vor eine Glasscheibe setzt und drauflosmalen lässt. Oder man kann ihr Schaffen als heroischen Kampf gegen die Widrigkeiten des Lebens schildern, wie es John Huston mit „Moulin Rouge“ vorgemacht hat. Mike Leigh tut keins von beiden. Weder glorifiziert er Turner, noch guckt er ihm beim Malen über die Schulter. Stattdessen zeigt er ihn als Chef eines Familienbetriebs, der alles andere als prachtvoll ist und doch prächtig funktioniert. Gleich die nächste größere Szene in „Mr. Turner“ führt uns in Turners privates Ausstellungskabinett, in dem der Vater gerade vermögenden Kunden die neuen Bilder seines Sohnes präsentiert. Der Maler selbst guckt zufrieden grunzend durch ein Wandloch zu. Mit demselben Grunzen pirscht er sich später an die backfischhaft errötende Hannah heran und stillt an ihr von hinten seinen Trieb. Der Malerhaushalt als Bedürfnisanstalt - und mittendrin, schniefend, brummend, sabbernd, unförmig und unrasiert: das Jahrhundertgenie.

          Komplexität des Künstlerlebens

          „Genie kann man nicht filmen“, sagt Mike Leigh, und er sagt es ohne Bedauern, so wie jemand feststellt, dass man eben nicht auf dem Wasser gehen kann. „Mein Film handelt von einem Mann, der mit seinen Händen arbeitet, seinen Augen, seiner Sensibilität, der einen Job macht, bei dem es um Bilder geht. Und es ist diese Spannung zwischen dem Menschen und seinem Werk, zwischen diesem grunzenden, fetten, unhöflichen, exzentrischen Gnom und seiner überirdisch leuchtenden Malerei, die mich fasziniert. Die rätselhafte Komplexität des Lebens. Und die rätselhafte Klarheit der Kunst.“

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