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Islamkritik und Christentum : Man höre doch mal dem Heiland zu

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Die Kreuzigung Christi verpflichtet das Christentum auf den Weg der toleranten Minderheit Bild: Stephan Kube

Ein Bündnis mit den Islamkritikern würde die Kirchen diskreditieren. Christen müssten hinnehmen, dass sie Minderheit sind. Die christliche Toleranz hat die Gestalt des Kreuzes. Ein Kommentar des evangelischen Pfarrers Jochen Teuffel.

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          Das Christentum in Europa hat ein existentielles Problem. Es ist nicht etwa die fortschreitende Säkularisierung der Gesellschaft oder deren vermeintliche Islamisierung. Die Existenzbedrohung besteht vielmehr darin, dass dem eigenen Namensgeber mit seiner Botschaft und seinem Werk nicht wirklich geglaubt wird. Anders als der ungläubige Thomas will man nicht die Finger in die offene Seitenwunde legen und damit Vertrauen zum gekreuzigten und auferstandenen Christus fassen.

          Die Provokation des christlichen Glaubens besteht im letzten Wort Jesu am Kreuz: „Es ist vollbracht (tetelestai)!“ Der stellvertretenden Lebenshingabe des Gottessohnes ist menschlicherseits nichts hinzuzufügen. Was für Christen zu tun bleibt, ist die gottesdienstliche Feier des Pascha-Mysteriums Christi, das missionarische Namenszeugnis sowie der Dienst am fremden Nächsten. Im Übrigen gilt Toleranz, was nichts anderes heißt, als „Zuwiderliches“ zu ertragen, weil man es weder abwenden noch ignorieren oder gar für sich akzeptieren kann.

          Der Minderheitsweg der Christen

          Am Kreuz Christi manifestiert sich diese passionierte Toleranz handgreiflich - im wahrsten Sinne des Wortes. Folgerichtig schärft Jesus seinen Jüngern die Nachfolge im Martyrium mit den Worten ein: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's erhalten“ (Markus 8,34f). Die Bibel sieht für Christen einen Minderheitsweg vor, wo es Verleumdungen, Verfolgungen, ja sogar Gewaltleiden wegen der eigenen Christusbindung auszuhalten gilt: „Alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Verfolgung leiden“ (2 Timotheus 3,12).

          Mit gutem Grund spricht Martin Luther in seiner Konzilsschrift (1539) von der Verfolgung als einem der sieben Kennzeichen des Christentums: „Zum siebenten erkennt man äußerlich das heilige christliche Volk an dem Heiligungsmittel des heiligen Kreuzes, dass es alles Unglück und Verfolgung, allerlei Anfechtung und Übel vom Teufel, von Welt und Fleisch leiden muss, damit es seinem Haupte, Christus, gleich werde.“ Selbst in der eigenen Gesellschaft haben nach Luther Christen einen Hass zu erleiden, der bitterer ist als derjenige, der Juden, Heiden und Türken entgegenschlägt. Sie müssen „die schädlichsten Leute auf Erden heißen, so dass auch die einen Gottesdienst tun, von welchen sie erhenkt, ertränkt, ermordet, gemartert, verjagt, gequält werden; und doch nicht deshalb, weil sie Ehebrecher, Mörder, Diebe oder Schälke sind, sondern weil sie Christus allein und keinen andern Gott haben wollen“.

          Göttliche Herrschaft in weltlicher Ohnmacht

          In der Tat, das „Wort vom Kreuz“ (1Korinther 1,18) ist für Christen eine kaum erträgliche Zumutung. Mit ihm lässt sich in der eigenen Gesellschaft kein Staat machen. Aber das ist es ja, was Jesus im Verhör gegenüber dem Statthalter Pilatus für sich und seine Jünger abgelehnt hat: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen.“ (Johannes 18,36) Das Zeichen des Immanuel - „Gott mit uns“ (siehe Matthäus 1,22f) - hat auf Koppelschlössern nichts verloren. Die kruziforme Dialektik einer göttlichen Herrschaft in weltlicher Ohnmacht versagt sich jeglicher Staatsräson. Genau darin aber erschließt sich für Christen die Legitimität des säkularisierten Staates.

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