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Nach Verbot von „Telegram“ : Iran verhüllt Emojis

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Die Botschaften auf den Schildern richten sich teilweise gegen die Vereinigten Staaten und Israel. Bild: EPA

Seit Montag ist der Messenger-Dienst „Telegram“ in Iran verboten. Als Alternative präsentiert die Justiz eine App mit einer Auswahl von Emojis, die Botschaften gegen Israel und die Vereinigten Staaten verbreiten.

          Verhüllte Frauen statt Smileys und Herzchen: In Iran ist eine Messenger-App gestartet, die den bisherigen Marktführer „Telegram“ verdrängen soll. Der Dienst nennt sich „Soroush“, was übersetzt „Stimme des Gewissens“ bedeutet.

          Die App wurde von politischen Hardlinern entwickelt und funktioniert ähnlich wie „Telegram“. Die Auswahl an Emojis unterscheidet sich aber komplett vom Vorbild. In „Soroush“ zeigen viele der kleinen Symbole verhüllte Frauen, die Schilder mit radikalen Botschaften hochhalten, etwa „Nieder mit Israel“ oder „Nieder mit den Vereinigten Staaten“. Einige der Aussagen richten sich auch gegen Dissidenten und Freimaurer.

          Der Nachrichtendienst „Telegram“ wurde in Iran schon länger kontrovers diskutiert. Die App verschlüsselt ihre Nachrichten, so dass Außenstehende sie nicht einsehen können. Am Montag wurde sie von der Justiz verboten. Offiziell heißt es, über die App seien Terrorismus und Pornographie im Land verbreitet worden, der wahre Grund dürften aber die Unruhen zum Jahreswechsel 2017/18 gewesen sein. Zahlreiche junge Iraner hatten damals gegen das Regime protestiert, „Telegram“ diente ihnen dabei als wichtigster Kommunikationskanal zur Organisation der Proteste und zum Versenden von Bildern der Demonstrationen an Medien im In- und Ausland.

          „Soroush“ funktioniert auf Smartphones und Tablets und soll „Telegram“ vom iranischen Markt verdrängen.

          Sperre auch in Russland

          Die Entwickler von „Soroush“ fordern neben dem kompletten Verbot westlicher Chat-Apps auch die Einführung eines staatlich gesteuerten Internets. Irans Kommunikationsminister Dschahromi protestiert dagegen: „Den Zugang der Menschen zu Informationen kann man nicht stoppen. Wenn eine Software verboten wird, kommt sofort eine neue. So ist das nun mal“, sagte der Minister am Dienstag. „Nicht das Internet ist an Missbräuchen schuld, sondern die Menschen, die das Internet nutzen“. Auch die Regierung von Präsident Rohani ist strikt gegen ein Verbot von „Telegram“, er wolle die Menschen selbst entscheiden lassen, welche Apps sie nutzen. Das Verbot des Messenger-Dienstes gilt als herber politischer Rückschlag für Rohani und seine Regierung.

          „Soroush“ startete offiziell am vergangenen Donnerstag und wird seither massiv beworben. Bislang hält sich der Erfolg aber in Grenzen, unbestätigten Angaben zufolge nutzen bisher rund fünf Millionen Menschen die App. Mehr als vierzig Millionen Iraner verwenden dagegen weiterhin „Telegram“ und verschaffen sich mithilfe verschlüsselter VPN-Tunnel Zugang. Über diesen Umweg nutzen Millionen von Iranern auch soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, die ebenfalls verboten sind.

          Auch in Russland gab es am Montag massive Proteste gegen die Sperrung von „Telegram“. Die Behörden hatten angekündigt, die App verbieten zu wollen, nachdem sich die Entwickler geweigert hatten, die Verschlüsselung privater Nachrichten aufzuheben. Daraufhin versammelten sich allein in Moskau 8000 Menschen zu einer Demonstration. „Telegram“ wurde 2013 von den Brüdern Pawel und Nikolai Durow in Russland gegründet und hat weltweit etwa zweihundert Millionen Nutzer.

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