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Investigativer Journalismus in China : Tanz auf dem Schwert

  • Aktualisiert am

Eine junge chinesische Reporterin im Erdbebengebiet Sichuan Bild: NDR/Ralph Ziegenhorn

Die ARD zeigt einen sensationellen Film. Er handelt von Reportern, die in China investigativ recherchieren. Was sie schildern, sind Szenen des Terrors aus dem Reich der Rechtlosen. Es sind Geschichten, die man kaum glauben mag.

          Wer diese Arbeit macht, sagt der junge Reporter, begibt sich in Gefahr. In erhebliche Gefahr. Denn es geht darum, Geschichten aufzuzeichnen, die man kaum glauben mag. Es geht um Bauern, denen korrupte Kader das Land wegnehmen, um es an Investoren zu verkaufen. Es geht um Schlägertrupps, die Verkaufsunwillige zu Tode oder zu Krüppeln prügeln; eines ihrer Opfer stechen sie dreizehnmal nieder und hacken ihm den Fuß mit einem Schlachterbeil ab, das nächste ist vollständig gelähmt, nachdem seine Knochen mit Backsteinen zertrümmert worden sind. Die Täter sind bekannt und auf freiem Fuß, Söhne der örtlichen Parteisekretäre sind darunter.

          Nur einer ist in Haft, weil er einen Bauern in dessen Haus vor den Augen seiner Frau mit einem Stuhl erschlagen hat. Eines der Verbrechen hat ein Dorfbewohner heimlich gefilmt. Die Aufnahmen sehen wir in diesem Stück des China-Korrespondenten Jochen Gräbert. Es ist ein hammerharter Film. Es sind unvorstellbare Szenen aus der Provinz, aus den Provinzen des Reichs der Mitte, aus einem Land, in dem Rechtlosigkeit herrscht. Die chinesische Zensur kann einpacken.

          Ein mafiöses Land

          Aber sie packt natürlich nicht ein. Sie ruft den Reporter oder einen Kollegen, der wie er als freier Journalist auf eigene Faust arbeitet und seine Haut riskiert, indem er über derartige Verhältnisse berichtet, lieber an, sobald er seine Geschichte ins Internet gestellt hat. Und fordert ihn auf, sie zu entfernen. Was er nicht tut. Doch die Internetpolizei sieht alles. Nicht präsent sind die Ordnungshüter, als einer der Internetreporter, die der ARD-Mann Gräbert begleitet, in seinem Hotelzimmer ungebetenen Besuch bekommt, der ihn mit Gewalt zwingt, seinen letzten Bericht zu löschen.

          Hinter den vielen schönen Wirtschaftswundergeschichten aus China, so lernen wir, verbirgt sich der blanke Terror. Das ganze Land überspannt ein mafiöses System von Geschäftemachern und korrupten Offiziellen, die vor nichts, aber auch gar nichts zurückschrecken. Sie nehmen sich, was sie wollen, ihren Opfern bleibt nichts, nicht Familie, nicht Gesundheit, nicht Haus noch Hof.

          Wie viel Pressefreiheit darf es sein?

          Im Gegensatz zu den Geschichten, welche die Helden dieser Reportage - „Chinas Kämpfer für die Wahrheit“, wie es im Titel heißt - aufschreiben, folgt das Wirken der jungen Redakteurin Sunran bei „China Newsweek“ den gewohnten und vom Staat überwachten Bahnen. Ihr Chefredakteur muss sich bei jeder Ausgabe ganz genau fragen, wie viel Pressefreiheit er wagen will. Er wagt viel in diesem Film, widmet er eine Ausgabe des Magazins doch ganz den Opfern des Erdbebens, das im Mai dieses Jahres in der Provinz Sichuan wütete. Die zweiundzwanzig Jahre alte Sunran schickt er in die am schwersten getroffene Kreisstadt Beichuan, in der allein rund sechstausend Menschen starben, darunter tausend Kinder. Ihre Recherche am Ort zeichnet die junge Reporterin fürs Leben. Warum sind ausgerechnet alle Schulgebäude eingestürzt? Diese Frage darf sie nur sich selber stellen, nicht ihren Lesern. Dass die Bilder der Opfer im Magazin aber so groß erscheinen und die der Staatsführer auf ihrer Stippvisite im Katastrophengebiet nur so klein, das ist unerhört und gewagt.

          Es zeichnet Jochen Gräbert aus, dass er nicht nur eine sensationelle Geschichte in starken, zum Teil schwer zu ertragenden Bildern erzählt. Er malt auch nicht in Schwarz und Weiß. Er nimmt nicht die unabhängigen Internetjournalisten, die zum Teil bei etablierten Medien ausgestiegen sind, und stellt ihnen eine tumbe Propagandistin entgegen. Er zeigt vielmehr, wie weit die chinesischen Reporter jeweils gehen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen und möglichst wahrhaftig zu sein. Sie kämpfen für Recht und Gesetz und Pressefreiheit und verstehen sich dabei nicht einmal als Aufrührer. Und das sind sie auch gar nicht. Sie treten an gegen das blanke, menschenverachtende Unrecht, gegen die Tyrannei, gegen ein Verbrechersystem, das zu benennen man keine ideologischen Kategorien braucht.

          Im Boulevardformat

          Auch bei RTL läuft heute ein außergewöhnliches Stück. Es geht um „Chinas verlorene Kinder“, um den grassierenden Menschenhandel - mit Frauen, vor allem aber mit Kindern, siebzigtausend sollen jedes Jahr verschwinden. Außergewöhnlich ist das Stück in seiner Machart - es ist das Ergebnis einer langen, verdeckten Recherche - und an diesem Sendeplatz. Im Rahmen des Boulevardmagazins „Extra“ mit der Moderatorin Birgit Schrowange erscheint es denkbar unpassend.

          Handwerklich kann es mit dem vom NDR verantworteten Stück im Ersten nicht mithalten, hätte es aber können, wenn RTL nicht die platten Kommentare von Schrowange draufpappen und die gesamte Dramaturgie auf Teufel komm raus auf Spielfilm trimmen würde. Die Geschichten von dem jungen Paar, dessen Sohn entführt worden ist und das sich in seiner Not an einen Privatdetektiv wendet, von den minderjährigen Eltern, die ihr neugeborenes Mädchen verkaufen, weil es illegal auf die Welt kommt und keine Geburtsurkunde erhält, und von dem Kinderhändler, der seinen eigenen Sohn verkauft hat - sie bedürfen keiner besonderen Inszenierung.

          Ein schöner Junge kann 1800 Euro kosten, erzählt der Kinderhändler, ein hässliches Mädchen aber kann man nicht einmal verschenken. Da er in seinem Tun nichts Falsches erkennen kann, lässt er die Kamera sogar bei seinen Verkaufsgesprächen dabei sein. Er agiert frank und frei auf einem Sklavenmarkt, der auch ein Ergebnis der staatlich zwangsverordneten Ein-Kind-Politik ist. Wobei die Kinder mitunter sogar noch Glück haben, wenn sie an reiche „Eltern“ verkauft werden, die es gut mit ihnen meinen. Die jungen Frauen landen im Sexgeschäft oder auf dem Bräutemarkt. Eine von ihnen kann der wackere Privatdetektiv Zhu befreien, den entführten kleinen Chen Zhie aber findet er nicht. Die Eltern gehen vor Verzweiflung zugrunde, der Kinderhändler aber sagt sich: „Kinder wie Ware zu behandeln, daran sollte eigentlich irgend etwas falsch sein. Ich weiß nur nicht, was.“

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