https://www.faz.net/-gqz-zekn

Investigativer Journalismus : Ein Hafen für die Pressefreiheit

  • -Aktualisiert am

Zuflucht des investigativen Journalismus? Blick auf die isländische Hauptstadt Rejkjavik Bild: AFP

Unter Beschränkungen ihrer Arbeit leiden Journalisten weltweit. Ausgerechnet Island, von der Bankenkrise geschüttelt und dabei über die Bedeutung unabhängiger Pressearbeit belehrt, will freie Berichterstattung in aller Welt ermöglichen.

          Steuerflüchtlinge bunkern ihre Schätze in Briefkastenfirmen auf exotischen Inseln oder – neuerdings weniger gemütlich – in den Kasematten verschwiegener Banken in den Alpen. Geld ist ein scheues Reh, so heißt es. Es springt flink dorthin, wo ihm die geringste Last auf den Schultern liegt und die wenigsten Regeln drohen.

          Informationen, sollte man annehmen, sind noch flüchtiger als monetäres Rotwild. In der Praxis ist es jedoch so, dass Medien, auch wenn sie mehr und mehr im Internet siedeln, juristisch ihrem physischen Standort verhaftet sind. Das hat mit wirtschaftlichen Erwägungen zu tun, mit historisch gewachsenen Strukturen und mit der oft unabdingbaren Druckausgabe und deren Rechtsstand. Geographische Gebundenheit heißt also auch, dem Presserecht und den Machtmechanismen des Heimatlandes unterworfen zu sein. Dies wird zu einem unkalkulierbaren Risiko, gerade im angelsächsischen Bereich. Denn die Einflussnahme auf die Medien hat viele Gesichter.

          Massiver Druck

          In Großbritannien zensiert die Regierung seit Jahrzehnten ganz offiziell mit sogenannten „D-Notices“ Themen und Inhalte, die vorgeblich die nationale Sicherheit oder Staatsgeheimnisse betreffen. Oft geht es jedoch darum, Skandale zu vertuschen. Auch in den Vereinigten Staaten, bewundert für das First Amendment, sehen sich Zeitungen massivem Druck ausgesetzt, über Skandale wie etwa geheime Foltergefängnisse nicht zu berichten. Nicht erst seit Nixon und den Pentagon Papers in der „New York Times“ versuchen Staatsanwälte, die Identität von Quellen zu enttarnen und Journalisten zur Offenlegung ihrer Recherchen zu zwingen. Whistleblower genießen in vielen Ländern keinen effektiven Schutz, sondern riskieren ihre Karriere und oft genug jahrelange Prozesse.

          Firmen, wie etwa der skandalumwitterte Schweizer Multi Trafigura, erzwingen regelmäßig mit Hilfe exzessiver Auslegung von Verleumdungsgesetzen die nachträgliche Zensur von Fakten aus bereits publizierten Geschichten. Im Falle Trafigura ging es um Giftmüllverklappung vor der Elfenbeinküste, bei der laut einem UN-Bericht mehr als 100.000 Menschen verletzt wurden. Die Firma versuchte nicht nur die Berichterstattung in Großbritannien über Belege ihrer Beteiligung an dem Verbrechen mit einstweiligen Verfügungen zu verhindern, sondern sogar die Erwähnung einer Parlamentsdebatte zu diesem Thema zu unterdrücken.

          In Deutschland hat der Prozess zur Namensnennung der Mörder des Schauspielers Walter Sedlmayr gezeigt, dass es keine absolute Sicherheit vor nachträglicher digitaler Zensur in den Archiven gibt. Der BGH hat zwar zugunsten der Berichterstattung und des öffentlichen Interesses entschieden, nicht klar ist jedoch, ob die Entscheidung bei geringfügig anderer Konstellation nicht zuungunsten der Medien ausginge.

          Islands Erweckung

          Das einstmalige europäische Musterland Island hat seine ganz eigenen Erfahrungen mit Skandalen und der Unterdrückung der Berichterstattung. Die ehemalige Elite des Landes hat nachdrücklich versucht, die schamlose Begünstigung ihrer Freunde und Verwandten zu vertuschen. Als intern schon klar war, dass das Geschäftsmodell der Kaupthing-Bank platzte, wurden noch schnell unbesicherte Kredite in Milliardenhöhe unter der Clique verteilt, welche die Bank effektiv unter Kontrolle hatte. Die Details blieben so lange geheim, bis ein bankinterner Bericht über die Kreditvergabe zu Wikileaks.org gelangte.

          Wikileaks ist eine bedingungsloser Transparenz verpflichtete Organisation, die sich darauf spezialisiert hat, unterdrückte und geheim gehaltene Dokumente zu publizieren. Der Kaupthing-Bericht, der bei Wikileaks veröffentlicht wurde, schlug in Island ein wie die sprichwörtliche Bombe. Die Bank versuchte am Tag der Publikation die Berichterstattung der Hauptnachrichtensendung des nationalen Fernsehens darüber mit einer einstweiligen Verfügung zu verhindern. Der Sender zeigte daraufhin in den Minuten bis zur Zustellung der Verfügung einfach die Wikileaks-Website mit dazugehöriger Internet-Adresse im Fernsehen. Noch in der Nacht hatte fast jeder Isländer den Bericht gelesen. Pikanterweise wurde die Verfügung zur Unterdrückung des Berichts vom obersten Zivilrichter der Stadt Reykjavík erlassen, der rein zufällig der Vater des Vorsitzenden des isländischen Bankenverbandes ist. Der zweite Sohn des Richters ist ein hoher Kaupthing-Manager, der selbst in den Genuss eines der zwielichtigen Kredite kam.

          Weitere Themen

          Als The Smiths noch frisch klangen Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Bumblebee“ : Als The Smiths noch frisch klangen

          Wer bisher kein Fan von den Transformers-Filmen war, sollte sich „Bumblebee“ auf keinen Fall entgehen lassen: Wie Charlie Watson, gespielt von Heilee Steinfeld, zusammen mit dem gelben Metallkäfer die Filmreihe rettet, erklärt Dietmar Dath.

          Das Gör ist Ingenieur

          Video-Filmkritik „Bumblebee“ : Das Gör ist Ingenieur

          Kein Wunder, dass sich das Mädchen in diesen melancholischen Metallsoldaten verliebt: „Bumblebee“ steht für einen Karosseriewechsel der „Transformer“-Filmreihe. Wenn dies kein Weihnachtsfilm ist, gibt es dieses Jahr weder Weihnachten noch Filme.

          „Bumblebee“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Bumblebee“

          Am 20. Dezember kommt der Prequel des 2007 Transformers „Bumblebee“ in die deutschen Kinos. Im Mittelpunkt steht der gleichnamige Transformers-Charakter.

          Topmeldungen

          Neuer Datenmissbrauch : Facebook ist von innen faul

          Fast jede Woche kommen neue Belege für ein ruchloses Verhalten von Facebook ans Licht. Jetzt wird bekannt, dass der Konzern munter Daten mit mehr als 150 Unternehmen geteilt hat – ohne Einverständnis seiner Nutzer. Apple zeigt, wie es besser geht. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.