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Vicky Krieps über „Das Boot“ : Auf die Zähne beißen

  • -Aktualisiert am

Sie müsse die Dinge erst an sich heranlassen, um sich dann zu ihnen zu verhalten, sagt Vicky Krieps. Bild: Brauer

Vicky Krieps spielt in der Sky-Serie „Das Boot“ die Hauptrolle der Übersetzerin Simone Strasser. Die Luxemburgerin verrät, was sie unter Heimat versteht und warum sie bei den Dreharbeiten einen Zusammenbruch hatte.

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          Bei der Vorstellung der Serie „Das Boot“, in der Sie die Übersetzerin Simone Strasser spielen, die 1942 im besetzten Frankreich auf dem Stützpunkt der deutschen Kriegsmarine in La Rochelle arbeitet, merkte man Ihren Antworten an, was auch Ihr Spiel zu prägen scheint: Sie machen es sich nicht leicht.

          Das haben Sie richtig beobachtet. Aber ich kann nicht anders. Ich muss die Dinge an mich heranlassen, mich mit Ihnen auseinandersetzen und kann mich erst dann dazu verhalten. Das mag dann manchmal nicht besonders gefällig wirken, aber so bin ich eben.

          Wie prägt das Ihre Arbeitsweise, auch in dieser Serie?

          Ich setze mich ganz genau mit der Situation auseinander, mit der Person, mit ihrer Funktion. Ich versuche darin einzutauchen. Wenn Simone Strasser Zeugin eines brutalen Verhörs wird, ist das für mich gefühlt so real wie möglich. Mir hilft für mein Spiel in diesem Moment der Gedanke, dass das nicht nur Fiktion ist und ich am Set etwas spiele. Ich mache mir bewusst, dass auch in genau diesem Moment weltweit Menschen verhört, misshandelt und dabei vielleicht sogar umgebracht werden. Das spüre ich dann fast körperlich.

          Das ist belastend.

          Das ist leider so. Und es ist noch schwieriger, wenn – wie hier – relativ viel in relativ kurzer Zeit und das auch noch unchronologisch gedreht wird. Für meine Art zu arbeiten ist es leichter, wenn Zeit da ist und sich eine Figur chronologisch entwickeln kann, wie zum Beispiel bei den Dreharbeiten mit Daniel Day-Lewis für den Film „Am seidenen Faden“. Das macht mir die Gattung Film so besonders.

          Wie haben Sie die vielen Tage beim „Boot“ dann überhaupt durchgehalten?

          Ich habe das ja gar nicht durchgehalten. Ich hatte einen echten Zusammenbruch und konnte nicht mehr weiterdrehen.

          Wann war das?

          Bei unserer Arbeit in Tschechien, wo wir auch die Verhörszenen gedreht haben. Die Teams sind auf Effizienz getrimmt. Wenn ich mit meiner Art zu arbeiten im engen Studio durch dieses Wechselbad der Gefühle muss, stoße ich an meine Grenzen. Und irgendwann war es mir zu viel. Der Regisseur Andreas Prochaska hat das verstanden und großartig und verständnisvoll reagiert. Ich musste an dem Tag nicht mehr vor die Kamera, und dann ging es wieder. Aber die Disziplin, eine Geschichte in Filmlänge zu erzählen, bleibt mir sympathischer.

          Wie nah oder fremd ist Ihnen denn diese Simone Strasser aus „Das Boot“? Sie sind, wie Ihre Figur in der Serie, selbst auch zweisprachig aufgewachsen. Ihre Familie stand während des Zweiten Weltkriegs auf verschiedenen Seiten.

          Das ist richtig. Simone kommt aus Straßburg im Elsass, ich komme aus Luxemburg. Mein Großvater väterlicherseits war im Widerstand in Luxemburg und wurde von den Nazis verhaftet und ins KZ gesperrt. Mein anderer Großvater war Offizier und meine Großmutter ein junges deutsches BDM-Mädchen.

          Man liest, Sie hätten „bäuerliche“ Wurzeln. Beeinflusst Sie das?

          Ich glaube, alle Luxemburger sind ihrem Wesen nach von einer bäuerlichen Struktur geprägt. Das verliert sich auch nie. Ich liebe die Felder, die Natur, die Luft. Aber bei uns war das nicht so ein beschauliches bäuerliches Leben.

          Wie kamen Sie zur Schauspielerei?

          Ich kann mich selbst nicht genau erinnern, aber mir hat eine alte Grundschulfreundin erzählt, dass ich wohl mit acht Jahren vor ihr stand und sagte, ich würde einmal Schauspielerin. Später traf ich auf die Schauspielerin Michèle Clees. Sie erzählte mir von ihrem Beruf und von Schauspielschulen im Ausland. Damit war meine Neugier geweckt.

          Sie leben mit Ihrer Familie in Berlin, sind für Dreharbeiten wochenlang unterwegs. Was betrachten Sie als Ihre Heimat? Wo sind Sie zuhause?

          Das ist tatsächlich eine der nicht so leicht zu beantwortenden Fragen. Ich habe mir früher so kleine „Altäre“ zusammengestellt mit Dingen, die mir etwas bedeuteten und mir so etwas wie Geborgenheit vermitteln sollten. Inzwischen trage ich all diese Bilder und Erinnerungen so in mir, dass ich sie jederzeit abrufen kann und mich dann dieses beschützte Gefühl durchströmt, dass Sie vielleicht Heimat nennen. Eine Zeitlang habe ich mich bemüht, mein Viertel in Berlin als Heimat zu empfinden. Aber das fühlte sich nicht richtig an. Heimat ist die Liebe zu den wichtigen Menschen, die man in sich trägt.

          Man nimmt aus jeder Rolle etwas mit und lernt etwas über sich und seinen Beruf. Was ist das bei Ihnen bei der Serie „Das Boot“?

          Auf die Zähne beißen.

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