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Filmakademiechef Thomas Schadt : Fragen stellen, die zum Nachdenken zwingen

Wozu raten Sie den Absolventen, in welche Richtung sollen sie gehen?

Am Ende müssen die Studierenden selbst entscheiden, in welche Richtung sie gehen wollen. Was die Ausbildung angeht, sind wir zu der Erkenntnis gelangt, dass wir uns radikal internationalisieren müssen. In zwei bis drei Jahren wollen wir in unserem Projektstudium ein bilinguales Curriculum Deutsch/Englisch eingerichtet haben. Damit könnten wir noch ganz andere Talente als bislang ansprechen und für uns gewinnen. Wir wollen so etwas wie eine europäische Filmakademie werden. Dafür verfügen wir schon über Module wie das International Producing, eine internationale Klasse oder einen englischsprachigen Schauspiel-Workshop, die wir zu einem Ganzen zusammenfügen wollen. Unsere Absolventen sollen zukünftig auch in Englisch arbeiten, schreiben und inszenieren können. Wir wollen den Studentenaustausch intensivieren, idealerweise sollte jeder ein Semester im Ausland studieren. Das müsste die Regel sein. Das ist übrigens auch unser Statement gegen Tendenzen nationalistischer Abschottung.

Und was brauchen Sie noch für eine „europäische Filmakademie“?

Bei dem Begriff bitte ich um Vorsicht, das ist unser interner Arbeitstitel. Wir haben im Auftrag des für uns zuständigen Ministeriums ein Konzept entwickelt, es nennt sich „Filmakademie 2030“ und führt strategische Ziele auf. Uns geht es um eine Internationalisierung, die auf regionaler Prägung fußt. Wenn heute ein Absolvent regional tätig sein möchte, muss er sich dennoch international bewegen und entsprechendes Knowhow abrufen können. Der zweite Aspekt ist „intellectual property“, geistiges Eigentum: Wir müssen die kreative Innovation unserer Studierenden mit einer produktionellen Förderung verbinden – in Baden-Württemberg, damit die Besten auch im Land bleiben und von hier aus arbeiten. Unser Animationsinstitut zum Beispiel ist weltweit mit führend, auch in der Arbeit mit Elementen Künstlicher Intelligenz, von denen wir uns wünschen, dass sie die Produktion bereichern. Nicht vergessen darf man dabei, dass wir nach dem SWR der zweitgrößte Filmhersteller in Baden-Württemberg sind, mit bis zu dreihundert Filmproduktionen pro Jahr. Als ich angefangen habe, im Jahr 2005, hieß es: Führen Sie die Filmakademie in die Champions League. Heute würde ich sagen: Wir sind erfolgreich und spielen in der Champions League. Das verschafft uns im kreativen Schaffen große Freiheiten. Das ist aber auch abhängig von finanzieller Unterstützung, sprich politischem Willen.

Gibt es nicht schon zu viele Filmemacher und zu viele Filme?

Das habe ich erst kürzlich den früheren Berlinale-Direktor Dieter Kosslick für einen Film auch gefragt. Da hat er gesagt: Natürlich gibt es zu viele Filme. Aber es gibt zu wenig gute Filme. Das ist auch meine Antwort: Solange es nicht zu viele gute Geschichten gibt, die so gut erzählt sind, dass wir sie unbedingt im Kino oder im Fernsehen sehen wollen, bilden wir auch nicht zu viel aus. Und ich sehe nach wie vor zu wenig gute Filme.

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