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Filmakademiechef Thomas Schadt : Fragen stellen, die zum Nachdenken zwingen

Und wie ist es mit dem Bewusstsein für die Macht von Medien?

Dass eine Kamera ein Machtinstrument ist, hat schon Susan Sontag gesagt. Sie sprach sogar von einem „Kamera-Gewehr“. Wir müssen den Studierenden beibringen, was das bedeutet, gerade in einer Medienwelt, in der wir von Bewegtbild erschlagen werden.

Im Netz kann heute jeder lossenden.

Aber nicht bei uns. Wir fördern Talente und schulen sie in jeder Hinsicht. Mit Erfolg: Wir haben zum Beispiel zwei Dokumentarfilm-Studierende darin bestärkt, einen Film über Youtube-Influencer zu drehen: „Lord of the Toys“. Der Film ist eingeschlagen wie eine Bombe, hat die Goldene Taube beim Dokumentarfilmfestival in Leipzig gewonnen und eine mediale Debatte darüber ausgelöst, wie man eine solche Szene darstellen kann, ob sie überhaupt darstellbar ist. Die beiden Filmemacher haben ihren eigenen Verleih gegründet und gehen mit dem Film jetzt ins Kino. Oder nehmen Sie den Film „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt, der auf der diesjährigen Berlinale einen Silbernen Bären gewann. Diese Filme sind Statements. So etwas brauchen wir, braucht unsere Gesellschaft. Auch bei Fernsehserien oder der Werbung.

Der Animationsfilm zählt in Ludwigsburg zum Standardprogramm.

Die Skepsis gegenüber Medien ist gewachsen. Sie stoßen sogar zunehmend auf Misstrauen. Ist das ein Aspekt der Ausbildung bei Ihnen?

Darum geht es bei unserer Herangehensweise selbstverständlich auch. Wir fragen: Was kann, was soll man mit Film überhaupt leisten? Ich bin noch mit einem allein öffentlich-rechtlichen Fernsehen sozialisiert worden, das den Menschen die Welt didaktisch und besserwisserisch erklärt hat. Der dokumentarische Ansatz des Medienmachens, dem ich verpflichtet bin, lautet anders: Wir belehren nicht, wir geben vielleicht keine fertigen Antworten, aber wir stellen Fragen, die uns zum Nachdenken zwingen. Das halte ich für die bessere Variante. Das ist auch das Gegenteil dessen, was apodiktische Influencer im Internet machen.

Wie ist der Kontakt zu den Sendern?

Wir haben vielschichtige Kontakte, in die ganze Branche, besonders zum SWR und der Redaktion „Kleines Fernsehspiel“ des ZDF, die sich sehr um Nachwuchsförderung verdient machen, was hoffentlich trotz Sparzwängen erhalten bleibt. Den angehenden Filmemachern sage ich immer: Ihr müsst in all den großen Institutionen, sei es ein öffentlich-rechtlicher Sender oder ein privater Streamingdienst, beharrlich nach persönlichen Ansprechpartnern suchen, mit denen ihr auf einer Welle liegt.

Große Kulisse: Der Campus der Filmakademie.

Beleben Amazon und Netflix die Szene? Oder macht man sich mit Blick auf die Streamingdienste falsche Hoffnungen auf einen kreativen und wirtschaftlichen Schub wie einst bei den Privatsendern?

Wir reden inzwischen von „dualen Systemen“, die wir in der Ausbildung auch dual abbilden. Da ist und bleibt zunächst der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinem redaktionell verantworteten Fernsehen, an dem auch die Filmförderung hängt. Das ist immer noch der potenteste Arbeit- und Auftraggeber. Das ist die eine Welt. Die andere ist eine voller Dynamik. Die Streamingdienste setzen ein unglaubliches Geld frei, das zum Teil, durch entsprechende gesetzliche Verpflichtungen, auch bei uns, in Europa und Deutschland, landet. Dieses System funktioniert ganz anders. Es gibt kein Redaktionswesen, alles erscheint zunächst einmal vollkommen frei und führt im Idealfall zu einem Film wie dem Oscar-Gewinner „Roma“. Das scheint mir aber der Einzelfall zu sein. In der Breite, wenn man sich die Programmprofile anschaut, erkennt man jedoch Merkmale für Serien und Filme, die wesentlich formatierter gefasst sein können als im öffentlich-rechtlichen System.

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