https://www.faz.net/-gqz-x17k

Interview mit Marcel Reich-Ranicki : „Ich möchte diesen Film noch erleben“

  • Aktualisiert am

Ein Leben als Vermächtnis an die nachfolgende Generation: Marcel Reich-Ranicki Bild: Frank Röth

Der Mann, der Marcel Reich-Ranicki in der Verfilmung von „Mein Leben“ spielen wird, ist gefunden: Matthias Schweighöfer. Der Literaturkritiker wünscht sich von dem Film, dass er zeigt, wie ein Jude trotz schrecklichster Verfolgung im Warschauer Getto von der deutschen Literatur fasziniert blieb.

          Der Mann, der Marcel Reich-Ranicki in der Verfilmung von „Mein Leben“ spielen wird, ist gefunden: Matthias Schweighöfer. Der Literaturkritiker wünscht sich von dem Film, dass er zeigt, wie ein Jude trotz schrecklichster Verfolgung im Warschauer Getto von der deutschen Literatur fasziniert blieb. Ein Interview.

          Vor zwei Jahren hat sich die Produzentin Katharina Trebitsch die Filmrechte an Ihrer Autobiographie „Mein Leben“ gesichert. Jetzt ist mit Matthias Schweighöfer endlich der Schauspieler gefunden, der Sie verkörpern wird. Sind Sie erleichtert?

          Ja, in der Tat, ich bin erleichtert. Die Suche hat ja ziemlich lange gedauert.

          Der Kritiker als junger Mann

          Was halten Sie von Schweighöfer? Große Ähnlichkeit mit Ihnen kann er nicht gerade vorweisen.

          Er hat mich vor einiger Zeit in der Rolle des jungen Schiller sehr beeindruckt. Demnächst werde ich in seinen jüngsten Film, den „Roten Baron“, gehen. Letztlich habe ich aber wohl doch noch zu wenig von Schweighöfer gesehen, als dass ich ihn gerecht beurteilen könnte. Ob er mir ähnlich ist? Ich glaube, dass können Sie noch nicht wissen, denn Sie wissen ja nicht, wie er geschminkt ausschauen wird, mit schwarzen Haaren oder mit einer Glatze, auf die er ja besonderen Wert legt, wie er in einem Interview gesagt hat.

          Ich weiß halbwegs, was ein Literaturkritiker zu tun hat, damit er auf Ihre Zustimmung hoffen kann. Was muss ein Schauspieler können, der Sie verkörpern soll?

          Er muss beispielsweise glaubhaft machen können, dass ein junger Mann, obwohl Jude, mitten im Krieg von der deutschen Literatur fasziniert ist.

          Bei der Suche nach einem Drehbuchautor gab es Verzögerungen - warum? Worin liegt die besondere Schwierigkeit bei der Dramatisierung Ihrer Lebensgeschichte?

          Es wird ja in dem Film eine für den deutschen Zuschauer ziemlich fremde Welt gezeigt. Diese Welt darf auf keinen Fall exotisch dargestellt werden. Natürlich kann man meine umfangreiche Biographie nicht ganz verfilmen; es musste manche wichtige Szene, manches wichtige Motiv weggelassen werden. Aber ich habe die endgültige Drehbuchfassung noch gar nicht gesehen.

          Gibt es Filme, auch Literaturverfilmungen, die Sie dem Filmteam als Vorbilder ans Herz legen möchten und von denen Sie sagen können: Ja, etwa in dieser Art und Weise sollte auch der Film über mein Leben gemacht werden?

          Wohl kein Film kann hier als Vorbild dienen, aber mancher doch als partielles Vorbild, so beispielsweise „Der Pianist“ von Roman Polanski, der ja zum Teil, ähnlich wie meine Geschichte, im Warschauer Getto spielt.

          Welcher Schauspielerin würden Sie die Rolle Ihrer Frau Tosia anvertrauen?

          Ich weiß es nicht.

          Sie haben viele Freunde aus der Film- und Fernsehwelt. Ich glaube, dass das auch daran liegt, dass Sie im Gegensatz zu manchem anderen aus dem Literaturbetrieb nie auf das Fernsehen herabgeblickt haben. Sie haben die Unterhaltung in jeglicher Form immer als Kunst und als Handwerk betrachtet. Dass der Film über Ihr Leben spannend und unterhaltsam sein wird, versteht sich von selbst. Aber was erwarten Sie darüber hinaus von der Verfilmung Ihrer Lebensgeschichte?

          Ich habe schon vor vielen Jahren - es lässt sich beweisen - von der großen Rolle gesprochen, die das Fernsehen bei der Verbreitung der Literatur zwar damals noch nicht spielte, aber schon bald spielen sollte. Von meinen Buch „Mein Leben“ sind etwa 1,2 Millionen Exemplare verkauft worden. Natürlich wäre ich sehr froh, wenn der Film zur weiteren Verbreitung des Buches beitragen könnte. Aber vor allem soll er das Publikum überzeugen, dass Unwahrscheinliches möglich war, nämlich, dass wir, meine Frau und ich, auf schrecklichste Weise verfolgt wurden und gleichwohl an Goethe, Schiller und Beethoven keinen Augenblick zweifelten. Wir haben ja in furchtbarer Zeit Konzerte mit Werken von Bach, Beethoven und Brahms im Getto organisiert. Ich wäre glücklich, wenn dieser Film dem deutschen Publikum, zumal dem jungen, bewusst machen könnte, was sich hinter den beiden Worten Warschauer Getto verbirgt.

          Gibt es noch einen besonderen Wunsch, den Sie für diesen Film haben?

          Ja: dass meine Frau und ich diesen Film noch erleben werden.

          Weitere Themen

          „The Great Hack“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „The Great Hack“

          „The Great Hack“ läuft ab Mittwoch, den 24. Juli bei Netflix.

          Topmeldungen

          Der Wahlkampf im kommenden Jahr wird wohl mit beispielloser Härte geführt werden.

          Neue Umfrage : Misstrauen gegen jedermann in Amerika

          Die Amerikaner sehen ihre Regierung und ihre Mitbürger immer skeptischer. Vor allem bei der Unterscheidung von Wahrheit und Lüge zeigen sich viele verunsichert. Für den Vertrauensschwund geben sie unterschiedliche Gründe an.

          FAZ Plus Artikel: Bergbau im Erzgebirge : Die Jagd nach dem Milliarden-Schatz

          Im Erzgebirge wird an der ersten deutschen Erzmine seit dem Krieg gebaut. Ein Investor verspricht sichere Rohstoffe und Hunderte Arbeitsplätze. Doch Politiker interessiert es nicht, Behörden mauern und Anwohner rebellieren.

          Regierungswechsel in London : Die Woche der Entscheidung

          In Großbritannien beginnt eine innenpolitisch spannende Woche. Die Tories wählen einen neuen Vorsitzenden und damit zugleich den neuen Premierminister. Wir fassen zusammen, was wann geschieht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.