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Dreißig Jahre „Lindenstraße“ : Wir erzählen von der deutschen Gegenwart

  • -Aktualisiert am

Ein Herz und eine Serie: Bill Mockridge und Marie-Luise Marjan in der „Lindenstraße“. Bild: WDR/Steven Mahner

Die erste Folge der „Lindenstraße“ lief am 8. Dezember 1985. Am Sonntag ist die Serie bei Episode 1559 angelangt. Bildet sie tatsächlich unsere Gesellschaft ab? Ein Gespräch mit dem Produzenten Hans W. Geißendörfer.

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          Die „Lindenstraße“ feiert ihr dreißigjähriges Bestehen. Wie es scheint, hat sie sich als Seismograph gesellschaftlicher Befindlichkeiten etabliert. Wie hat sich das aus Ihrer Sicht abgebildet und bemerkbar gemacht?

          Am deutlichsten dadurch, dass wir immer wieder ungeduldige Nachfragen bekommen, wenn wir ein für die Zuschauer wichtiges Ereignis nicht aktualisieren, warum wir denn über dies oder das nichts sagen. Die Zuschauer erwarten von den Lindensträßlern eine Stellungnahme. Leider schaffen wir das aus den verschiedensten Gründen nicht immer, aber zirka zwei Drittel der gesendeten Folgen im Jahr haben eine Aktualisierung. Und grundsätzlich gibt es immer in allen Geschichten den Bezug zur deutschen Gegenwart beziehungsweise Wirklichkeit.

          Trotzdem muss man feststellen, dass sie nicht mehr die Relevanz hat wie früher. Die Einschaltquoten sind nicht mehr annähernd so hoch. Haben Sie schon einmal übers Schlussmachen nachgedacht?

          Nein. Weil die Quote für mich nicht entscheidend wäre, „Lindenstraße“ auszu(er)zählen. Bitte beachten Sie dazu auch die Tatsache, dass die Quote im Verhältnis zur Senderanzahl, also zu den möglichen Programmen, die der Zuschauer heute empfangen kann, nahezu konstant gut geblieben ist. 1985 hatten wir gerade mal ARD und ZDF, RTL fing an, und sonst war Funkstille. Heute gibt es über achtzig Programme zur gleichen Zeit bei etwa gleich großer Bevölkerung. Ich denke, Sie können sich anhand dieser Zahlen selbst ausrechnen, dass wir noch immer sehr respektable Quoten haben.

          Waren das noch Zeiten: Die Film-Familie Beimer aus den achtziger Jahren spielten Ina Bleiweiß, Marie-Luise Marjan, Joachim Hermann Luger, Motiz A. Sachs und Christian Kahrmann (von links).

          Wenn Sie früher die Schauspieler der „Lindenstraße“ zum Blackout aufrufen ließen, war das schlagzeilenträchtig. Wäre das heute noch denkbar?

          Nicht unbedingt bei einem Aufruf zum Blackout, aber bei einem Aufruf, zum Beispiel die Flüchtlingspolitik von Frau Merkel zu unterstützen, gewiss.

          Haben Sie immer noch die Möglichkeit – trotz Vorproduktion –, auf aktuelle Ereignisse zu reagieren? Warum gab es am folgenden Sonntag keinen Bezug auf die Attentate in Paris?

          Weil wir da genau sein müssen, unseren Zuschauern zuliebe: Die „Lindenstraße“ spielt immer an einem Donnerstag von 00.01 bis 23.59. Also kann ein Ereignis – und sei es noch so bedeutend –, das am Freitag eintritt, erst am nächsten Donnerstag bei uns spielen, also am nächsten Sonntag erst gesendet werden. So geschah das auch mit Paris.

          Es war Ihr Ansatz, mit der „Lindenstraße“ auch Einfluss zu nehmen. Ist Ihnen das gelungen? Haben Sie die Zuschauer durch die Serie politisiert?

          Das weiß ich nicht. Was ich aber weiß, ist, dass sie „die Politik“ in der „Lindenstraße“ haben wollen und gerne diskutieren. Dazu ist belegt, dass die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Liebe durch „Lindenstraße“ stark gewachsen ist.

          Die Hausmeisterin: Annemarie Wendl (1914 bis 2006) spielte Else Kling.

          Ihre Tochter Hana hat bei der Produktion inzwischen die Zügel in der Hand. Was heißt das für die Positionierung? Hat die Serie nur eine zeitgerechte Anmutung? Es seien nun 340 statt früher 90 Schnitte pro Folge, sagte Ihre Tochter einmal. Für welche Änderungen steht sie?

          Für all das, was besser ist als vorher. Die Entscheidungen und Antworten zu jeder wichtigen Frage werden aber noch immer gemeinsam getroffen.

          Wann wollen Sie sich ganz aus dem operativen Geschäft zurückziehen?

          Wenn Gevatter Tod mir keine andere Wahl lässt.

          Früher war es undenkbar, die „Lindenstraße“ ausfallen zu lassen. Zuletzt wurde sie schon mal aktuellen Sportereignissen geopfert. Wird die Serie nicht mehr geschätzt? Wie lautete der Merksatz: Für welche drei Sachen steht die ARD?

          Das tat in der Tat weh, dass „Lindenstraße“ Sportereignissen zuliebe nicht oder zu unmöglichen Zeiten gesendet wurde – sehr weh, und zwar nicht nur mir, sondern auch den Zuschauern. Ich habe versucht, mich zu wehren, aber es gibt Mächte in der ARD, die uns Kreativen schnell und gerne den Rücken kehren und die andere Schwerpunkte setzen.

          Der Vertrag läuft 2016 aus. Glauben Sie, dass er verlängert wird? Bis wann? Woran hakt es zurzeit?

          Wir verhandeln noch. Ich bin aber optimistisch, dass wir eine Lösung finden werden und weitere drei Jahre mitspielen können. Beachten Sie aber bitte dabei, dass mein Team und meine Autoren die Verlängerung auch wollen müssen, also noch Sinn in der Sendung sehen und Lust und Liebe und Leidenschaft haben, den „Stress“ weiter zu mögen. Aber auch hier sind wir uns einig: „Lindenstraße“ hat Haltung und wir auch.

          Was schauen Sie selbst im Fernsehen, und wie beeinflusst das gegebenenfalls die „Lindenstraße“?

          Ich schaue nur Nachrichten und Fußball, und die Nachrichten haben manchmal Einfluss, der Fußball weniger.

          Produktionsfamilie: Hans W. Geißendörfer und seine Tochter Hana.

          Nutzen Sie die modernen Medien? Sind sie Segen oder Fluch, auch auf die tägliche Arbeit bezogen?

          Sie sind für mich fast nur Segen. Herrlich nah und schnell beim Zuschauer zu sein und mit dem Zuschauer „sprechen“ zu können ist wunderbar. Der Dialog ist köstlich bis leidenschaftlich, manchmal auch hart und nicht fair. Aber dass er funktioniert und wir nicht in ein schwarzes unbekanntes Loch tönen, ist klasse!

          Til Schweiger ist der prominenteste Ex-Lindensträßler. War es abzusehen, dass aus ihm der einflussreiche Kinoproduzent würde? Was ist seine Qualität?

          Kollegen habe ich nie öffentlich beurteilt oder beschrieben. Bitte um Verständnis. Nur so viel: Ich habe Til in der Zeit, in der er bei uns war, ermutigt, an sich zu glauben, und das tut er heute noch.

          Auf was sind Sie in der Geschichte der „Lindenstraße“ besonders stolz? Was würden Sie lieber ungeschehen machen?

          Stolz bin ich auf die Tatsache, dass es uns noch gibt und wir mit einer „Anstalt“ – WDR/ARD – arbeiten dürfen, die uns so gut wie nicht zensiert. Ungeschehen würde ich gerne die zweimalige Entscheidung machen, die „Lindenstraße“ ausfallen zu lassen und ihr und den Zuschauern dadurch jeden Respekt zu versagen.

          Damals war er noch kein Kommissar: Til Schweiger (links) mit Jo Bolling und Thorsten Nindel.

          Haben Sie es schon mal bereut, sich die Verantwortung für die Serie und ihre vielen Mitarbeiter aufgehalst zu haben?

          Nieeee! Einen anhaltenden Glückszustand zu bereuen wäre ja auch wohl ziemlich blöd.

          Warum sollte die „Lindenstraße“ niemals enden?

          Weil sie als „endlos“ entwickelt wurde und weil sie nicht lügt und keine Geschichten der reinen Spannung wegen erzählt, sondern Geschichten, die jeden von uns etwas angehen, die wir alltäglich leben. Und noch ein „Weil“: „Lindenstraße“ nimmt den Zuschauer ernst und liebt die Charaktere, die sie dem Zuschauer präsentiert.

          Die Besetzung hat sich dann doch verändert: Cosima Viola, Joris Gratwohl, Hermes Hodolides, Sarah Masuch und Moritz Zielke (von links).

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