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Interview mit Günter Wallraff : Nach einer Weile träume ich in meiner neuen Identität

„Ein schwer zu observierendes Allerweltsgesicht“: Seit fünfzig Jahren ist Günter Wallraff undercover unterwegs. Bild: Stefan Boness/Ipon

Vor dreißig Jahren kam sein Buch „Ganz unten“ heraus, in dem Günter Wallraff von seiner Sklavenarbeit als Türke „Ali“ berichtete. Die Wirkung war groß. Was hat sich seither verändert? Ein Gespräch mit dem Rollenspieler, der bis heute unerkannt bleibt.

          Vor dreißig Jahren haben Sie Ihr Buch „Ganz unten“ herausgebracht. Hatten Sie da die härteste Zeit Ihres Lebens hinter sich, als Leiharbeiter „Ali“?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Von der physischen Belastung her war das sicherlich das Härteste. Danach hatte ich Bandscheibenprobleme, und meine Bronchien waren geschädigt. Vorher lief ich einen Marathon in zwei Stunden fünfzig Minuten. Danach war ich froh, noch eine halbe Stunde am Stück laufen zu können. Von den Arbeitern, die diesen Giftstäuben über Jahre ausgesetzt waren, sind inzwischen viele verstorben, sie wurden nicht älter als sechzig Jahre. Der Menschenhändler, bei dem ich mich damals verdingt habe, hatte türkische Arbeiter auch ohne Strahlenschutz in ein Kernkraftwerk geschickt. Im Kollegenkreis sprach man vom „Verheizen“. Von der psychischen Belastung her war aber meine Rolle als Hans Esser bei der „Bild“-Zeitung belastender. Dort musste ich mich mehr verleugnen, das war wie eine freiwillige Gehirnwäsche.

          Wie kamen Sie darauf, „Ali“ zu werden – unter Umständen, die man Sklavenarbeit nennt?

          Ich hatte zur Situation der sogenannten Gastarbeiter schon vorher einiges veröffentlicht. Ich wohne in Köln-Ehrenfeld, einem Stadtteil, in dem jeder Dritte, Vierte ein Zugereister ist – Italiener, Ex-Jugoslawen, Griechen, Türken. Das ist ein Viertel, in dem man sich friedlich zusammengerauft hat, das Gegenteil von dem, was der SPD-Politiker Heinz Buschkowsky in dem Buch „Neukölln ist überall“ beschreibt – Ehrenfeld ist nicht Neukölln, und Neukölln ist nicht überall. Nachbarn erzählten von Verwandten, die über entwürdigende Arbeitsbedingungen berichteten, aber Angst hatten, ihren Job zu verlieren. Ich habe eine Annonce aufgegeben: Ausländer, kräftig, sucht Arbeit jeder Art. Und bin dann in einer Arbeitskolonne gelandet. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt. Wenn ich einmal in einer Rolle drin bin, bleibe ich, solange ich es aushalte, auch dabei. Ich war der Türke „Ali“, und der konnte nicht einfach hinschmeißen. Außerdem hätte ich das als Feigheit und als Verrat an meinen Kollegen empfunden.

          Über seine Zeit als Hans Esser bei der „Bild“-Zeitung schrieb Wallraff das Buch „Der Aufmacher“.

          Sie identifizieren sich mit Ihren Rollen derart, dass Sie sogar in ihrer angenommenen Existenz träumen.

          Das ist nicht bei allen Rollen der Fall, nur bei denen, die ich für eine längere Zeit übernehme. Nach einer Weile bin ich in meiner neuen Identität. Und meine eigene fällt von mir ab wie Schlacke. Was mir dabei hilft: Ich habe nicht gerade ein übertriebenes Ego. Ich identifiziere mich mit den Schwachen und Geschlagenen und kann mich sehr gut in ihre Lage versetzen. Wenn ich im konkreten Fall mit so etwas konfrontiert werde, entsteht bei mir das Bedürfnis, mich einzumischen und zu helfen. Heute kann ich das, auch ohne eine Rolle anzunehmen.

          Woher rührt Ihr Gerechtigkeitsempfinden? Hatten Sie das von Kindesbeinen an?

          In einem Tagebucheintrag aus meiner Jugendzeit, den ich gefunden habe, der mich ein wenig erschreckt hat, schreibe ich als Siebzehnjähriger die Sätze: „Ich bin mein eigener heimlicher Maskenbildner. Locke meinem Wesen immer neue Masken hervor. Ich warte darauf, die Maske zu finden, die sich mit meinem ursprünglichen Gesicht deckt. Ich glaube, sie längst schon unbemerkt getragen zu haben. Oder sie niemals zu finden, da sich mein Gesicht der jeweiligen Maske anpasst.“ Meine Rollen waren nie Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck, den ich unter meinem eigenen Namen, vor dem in steckbriefähnlichen sogenannten Unternehmer-Warnbriefen von einer Einstellung abgeraten wurde, nicht mehr erreichen konnte.

          Was geschah, als Ihr Buch im Herbst 1985 herauskam?

          Der Erfolg war nicht abzusehen, damit hatte keiner gerechnet. Selbst die IG Metall, die mehrfach Sonderausgaben von meinen Büchern für ihre Mitglieder herausgab, hatte abgewunken. Aber dann kam es ganz anders, drei Druckereien kamen mit der Auflage nicht mehr nach, und es gab Raubdrucke. Die Ruhrgebietszeitung WAZ ließ damals den Mann des Jahres wählen. Das wurde in diesem Jahr der Leiharbeiter Ali. Da hatte ich also einen Nerv getroffen. Das Buch hat auch unmittelbar Wirkungen hinterlassen.

          Was tat sich bei den betroffenen Firmen, bei Thyssen und McDonald’s etwa?

          Für mich war es zunächst einmal eine große Überraschung, was ein scheinbar so schwaches Medium wie ein Buch erreichen kann: Die Politik reagierte, und der Thyssen-Konzern reagierte. Der damalige Arbeitsminister machte die Abschaffung der Missstände zur Chefsache. Das Landesarbeitsamt bildete eine Sonderkommission – intern die „Ali-Gruppe“ genannt. Es kam zu über viertausend Strafverfahren – und die Arbeitsbedingungen vor allem für die Industriereiniger besserten sich spürbar. Zwölf Sicherheitsingenieure bei Thyssen verdanken mir ihre Einstellung, Thyssen und Mannesmann mussten auch Strafen in Millionenhöhe zahlen. Bei McDonald’s tat sich weniger, da wurden nur die hygienischen Verhältnisse verbessert, nicht die der Beschäftigten. Stattdessen wurde Thomas Gottschalk als Werbeträger verpflichtet, um die Jugendlichen wieder an das Mampfen der Hamburger zu gewöhnen. Doch es wurden weiter Betriebsräte verhindert, ich wurde verklagt, fand aber Dutzende, die die Verhältnisse genau so schilderten, wie ich sie erlebt hatte. McDonald’s zog seine Klage zurück. Mir kam das so ähnlich vor wie das, was der amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair nach seinem Buch „The Jungle“ erlebte, in dem er die grausamen Arbeitsbedingungen schilderte, unter denen baltische Einwanderer in der Fleischindustrie in Chicago schuften mussten. Sinclair sagte, er habe mit seinem Buch auf das Herz der Amerikaner gezielt, aber nur ihren Magen getroffen. So schien mir das auch bei McDonald’s zu sein. Langfristig gesehen, hat sich aber auch da viel verändert.

          Die Geschichte wiederholt sich. Sie, beziehungsweise das von Ihnen angeleitete „Team Wallraff“ von RTL, hat 2014 bei Burger King von Ähnlichem berichtet.

          Da ging es um einen Franchisenehmer mit etwa neunzig Filialen, der Mitarbeiter kujonierte und gegen Hygienevorschriften verstieß. Darauf hat die Burger-King-Zentrale reagiert – erst im zweiten Anlauf, aber immerhin. Die Entlassenen, die von einem brutalen Anwalt verfolgt worden waren, wurden wieder eingestellt.

          Wie wurde „Ganz unten“ eigentlich in der Türkei aufgenommen?

          Da musste ich aufpassen, das wurde richtig gefährlich. Nationalreligiöse Blätter schrieben, ich hätte nun vor, zum Islam übertreten – nichts lag mir ferner. Ich bin stattdessen in die Türkei gereist und habe den Justizminister aufgesucht und bat darum, politische Gefangene besuchen zu können. Das wurde ohne Begründung erst mal abgelehnt. Dann habe ich ein wenig gepokert und gesagt: Dann muss ich mir leider eine Aktion wie seinerzeit während der Militärdiktatur in Griechenland einfallen lassen. Am nächsten Tag hieß es, ich könnte alle Gefängnisse besuchen. Für einzelne Inhaftierte konnte ich Hafterleichterungen erreichen. Ein Gefangener, der psychisch gebrochen war, kam sogar frei. In solcher Art und Weise versuche ich meinen Erfolg als Autor zu nutzen.

          Sie haben Salman Rushdie versteckt, als er mit dem Tod bedroht wurde, später den iranischen Rapper Shahin Najafi. Gibt es für Publizisten und Künstler, die verfolgt und mit dem Tod bedroht werden, etwa durch eine Fatwa, genügend internationale Unterstützung?

          Ich lebe in einem Land, in dem die Meinungs- und Pressefreiheit im Grundgesetz garantiert ist. Wenn ich erlebe, dass Kollegen ihren Beruf unter Lebensgefahr ausüben müssen, kommt es vor, dass ich mich da schon mal nützlich mache. Bei Salman Rushdie war das besonders vonnöten, als er verfolgt und gemieden wurde, als die Angst umging, sich mit ihm zu zeigen, und er sogar von offiziellen Stellen „aus Sicherheitsgründen“ ausgeladen wurde.

          Die Lufthansa transportierte ihn nicht ...

          Da habe ich ihn in einer Privatmaschine einfliegen lassen. Dann schaltete ich eine Anzeige: „Wir fliegen nicht mehr Lufthansa“, und mehr als tausend Vielflieger haben unterschrieben und die Lufthansa letztlich dazu bewogen, ihre jämmerliche Haltung zu ändern.

          Vergangenes Jahr haben Sie den Amerikanern angeboten, sich als Geisel gegen den von der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ verschleppten Sanitäter Peter Kassig austauschen zu lassen, der inzwischen ermordet worden ist. Was bewog Sie, sich in die Hände von Mördern zu begeben?

          Mein Leben gehört mir, ich kann darüber bestimmen. Hier war ein sechsundzwanzigjähriger Mann, der das Leben noch vor sich hatte, der aus reinem Idealismus als Sanitäter nach Syrien gegangen war. Er wurde am 1.Oktober – das ist auch noch mein Geburtstag – vom IS gekidnappt. Da habe ich mich spontan entschlossen, mich an seiner Stelle zu opfern. Aus dem Impuls heraus: Mit eurer Angstmache mögt ihr ansonsten Erfolg haben, bei mir nicht! Das, wovor ich die größte Angst hatte, war, durch Folter, Hunger, Schlafentzug gebrochen und vorgeführt zu werden und mich am Ende noch zum Islam zu bekennen. Ich wollte ein Zeichen setzen. Hätte man mich öffentlich massakriert, hätte es in Deutschland eventuell muslimische Jugendliche, die sich zum IS hingezogen fühlen und für die ich wegen meiner Initiativen für Einwanderer vielleicht eine Orientierung bin, nachdenklich gemacht und sie am Ende von ihrem Entschluss abgebracht.

          Die Amerikaner sind auf den Vorschlag nicht eingegangen.

          Ich hatte Kontakt zur Botschaft, dort bat man um Bedenkzeit. Dann merkte ich, dass die Amerikaner das nicht realisieren wollten. Daraufhin habe ich in einem Brief an den Botschafter angeboten, dass ich das Lösegeld privat aufbringen könne. Ich hätte ein Haus verkauft und weiter gesammelt. Auch darauf haben sich die Amerikaner nicht eingelassen. Letztendlich haben sie zugelassen, dass ihr Staatsbürger vor laufender Kamera öffentlich abgeschlachtet wurde. Wie ich inzwischen erfahren habe, zahlten Amerikaner und Briten prinzipielle kein Lösegeld für Geiseln. Vielleicht haben die Amerikaner ihre Haltung ja inzwischen geändert. Gefangene aus anderen Ländern, die mit Peter Kassig zusammen inhaftiert waren, wurden freigekauft, etwa der Däne Daniel Ottosen.

          Wieso war Ihre Rolle bei „Bild“ die psychisch anstrengendste, wie Sie sagen?

          Diese und die Rolle als Waffenhändler bei Rechtsterroristen, die 1973 in Portugal einen Putsch planten. Bei „Bild“ musste man Fälschungen am Fließband fabrizieren, Eltern heimsuchen, deren Kind Opfer eines Verbrechens geworden war, um ihnen Fotos zu entlocken. Das habe ich zwar verhindert, aber bei solchen Einsätzen unterwegs zu sein, das war schon hart. Meine damalige Freundin stellte fest, dass ich aus meiner Rolle nicht rauskam und auch im Privaten alles auf „Bild“-Verwertbarkeit prüfte. Dann bekam ich zu hören: Typisch Esser, wenn das der Wallraff wüsste.

          Bei Springer war man vom Donner gerührt, als die Geschichte herauskam.

          Die haben erst einmal alles falsch gemacht, was sie falsch machen konnten und mein Anliegen so richtig bekannt gemacht, mir Serien gewidmet, durch die auch der letzte „Bild“-Leser von meiner Arbeit erfuhr. Aber es wurde schon Hass erzeugt. Ich erinnere mich an ein Foto, das mich zeigte, wie ich, von Folterverhören gezeichnet, aus der Haft in Griechenland entlassen wurde, mit der Bildunterschrift: „Günter Wallraff, so kennt ihn jeder, wie aus der Psychiatrie entsprungen“. Jahrelang hat Springer Prozesse gegen mich geführt. Schließlich hat der Bundesgerichtshof mein Vorgehen legitimiert und ausdrücklich festgestellt, dass die Öffentlichkeit bei gravierenden Missständen das Recht hat, darüber informiert zu werden, auch wenn diese Informationen durch Täuschung erlangt wurden.

          Wo ist denn heute „ganz unten“?

          In der Paketbranche zum Beispiel, für die immer häufiger osteuropäische Arbeitnehmer und auch afrikanische Flüchtlinge schuften, von UPS einmal abgesehen. Hier spielen Gesetze nur nach außen eine Rolle, und Scheinselbständigkeit ist an der Tagesordnung, Arbeitsrecht wird bewusst ignoriert. Bei Hermes sind rumänische Fahrer zwölf, vierzehn Stunden pro Tag mit schrottreifen Karren unterwegs. Einen Unterschied zu der Zeit vor dreißig Jahren gibt es: Der alltägliche Rassismus ist nicht mehr so verbreitet. Das gilt leider nicht für bestimmte Regionen Deutschlands, schon gar nicht für Pegida-Anhänger. Aber deren Hetze ist nicht mehrheitsfähig. Rassismus ist in Deutschland nicht mehr mehrheitsfähig.

          Sie sind seit fünfzig Jahren unterwegs. Und Sie bleiben immer noch unerkannt.

          Das wundert mich selbst. Mir hat ein früherer Präsident des Bundesverfassungsschutzes einmal das Kompliment gemacht, ich hätte so ein schwer zu observierendes Allerweltsgesicht. Ich glaube, es liegt auch daran, dass Menschen über das Image und über Statussymbole wahrgenommen werden. Einem Kuli schaut man nicht ins Gesicht. Meine größte Angst ist, erkannt zu werden und aufzufliegen.

          Pensioniert werden Sie in Ihrer Rolle, Rollen anzunehmen, wohl nicht.

          Der Tod ist meine Pensionierung und der wohlverdiente Ruhestand. Solange ich mich einbringen kann, will ich mich nicht entziehen. Nicht nur als Journalist, sondern immer wieder auch als Vermittler und eine Art Mediator in Konfliktfällen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Da merke ich: Ich kann etwas bewegen. Solange es möglich ist, mische ich mich ein. Und Spaß macht das übrigens auch.

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