https://www.faz.net/-gqz-9xtij

Patricia Schlesinger vom RBB : Wir tun, was wir können

  • -Aktualisiert am

„Unsere wichtigste Funktion ist in diesen Tagen definitiv, Orientierung zu bieten“: die Intendantin des Rundfunks Berlin Brandenburg, Patricia Schlesinger.. Bild: rbb/Oliver Ziebe

Ist die Corona-Krise eine Chance für den Journalismus? Und für die öffentlich-rechtlichen Sender? Die Intendantin des Rundfunks Berlin Brandenburg, Patricia Schlesinger, sieht ihr Haus gut aufgestellt.

          5 Min.

          Was ist für Sie in der aktuellen Situation die wichtigste Funktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?

          Unsere wichtigste Funktion ist in diesen Tagen definitiv, Orientierung zu bieten. Das bedeutet, Hintergründe zu erläutern, Informationen zu prüfen und sie verständlich weiterzugeben. Darum geht es im Wesentlichen, und der öffentlich-rechtliche Rundfunk kann das leisten: Dafür sind wir einst geschaffen worden – als wesentliche Institution für das Funktionieren unserer Demokratie.

          Wird der rbb zum „Corona-TV“?

          Nein, wir können und wollen nicht rund um die Uhr nur über das Virus, seine gesundheitlichen Auswirkungen und die damit verbundenen Konsequenzen für unser Leben berichten – auch wenn diese Berichterstattung zurzeit einen Großteil unseres aktuellen Programms ausmacht. Die Menschen suchen Familienprogramme, Kultur- und Bildungsangebote. Zudem bekommen sie zusätzliche Sendungen für Kinder und Schüler, die zu Hause sind. Auch diese Erwartungen und Bedürfnisse in hoher Qualität abzudecken ist gegenwärtig eine ganz wichtige Aufgabe für uns. Wir können damit Zusammenhalt stiften, quer durch alle Altersgruppen, gesellschaftliche Milieus und Religionen, denn der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist in dieser Krise für alle da, muss für alle da sein. Wir wollen gerade jetzt ein „guter Freund“ für unsere Zuschauerinnen, Hörer, Nutzer sein, jemand, den ich gern zu mir hole, wenn es schwierig wird, wenn ich Trost benötige, aber auch, wenn ich eine gute Zeit oder einen guten Abend haben, mich zerstreuen oder unterhalten möchte.

          Ein sinnvolles Verhältnis zwischen Information und Unterhaltung.

          Natürlich ist das Coronavirus gegenwärtig das beherrschende Thema in unserer Gesellschaft. Gleichzeitig beschäftigen wir uns selbstverständlich auch mit anderen Themen. Dieter Nuhr steht für sein „Nuhr im Ersten“ nicht mehr vor Publikum im Säälchen, sondern sitzt allein zu Hause und schaltet zu seinen Gästen. Mit unserer Aktion „Der rbb macht’s“ schließen wir Lücken, die im gesellschaftlichen und kulturellen Leben entstehen, weil Kulturstätten wie Museen, Konzerthäuser, Theater und Kinos geschlossen sind. Wir haben am Sonntag einen ökumenischen Gottesdienst mit evangelischen, katholischen, jüdischen und muslimischen Mitwirkenden aus der Gedächtniskirche übertragen, Lutz Seiler liest bei rbbKultur im Radio seinen neuen Roman „Stern 111“ vor, seit Montag gibt es zweimal am Tag Sport zum Mitmachen, zusammen mit Vereinen. Gerade wenn das Publikum nicht mehr zu den Ausstellungen, Aufführungen oder Lesungen gehen kann, bringen wir diese großartigen Angebote zu den Menschen. Wenn es zu Hause eng wird, weil die Menschen kaum mehr vor die Tür gehen, können wir so wieder mehr Weite schaffen. Der Auftakt war am 12. März die Übertragung von „Carmen“ aus einem leeren Saal der Deutschen Staatsoper. Dieser Livestream hat im Netz weltweit 160000 Menschen erreicht – die Reaktionen der Zuschauer waren überwältigend. Wir haben ein Konzert der Berliner Philharmoniker gestreamt und ein „Extrakonzert“ unter anderem mit Lang Lang aus dem Konzerthaus Berlin. Weiteres ist in Vorbereitung.

          Sie kümmern sich also um die Grundversorgung bei Hochkultur.

          Wir denken auch an die jüngeren Zuschauer. Radioeins und Arte Concert unterstützen eine Aktion der Berliner Clubs: Täglich wird abends ein Video-stream live aus einem Berliner Club übertragen – das volle Programm mit DJ und Licht, nur ohne Tänzer. Neben solchen DJ-Sets, Live-Musik und Performances bietet die Plattform auch Gesprächsrunden, Vorträge und Filme rund um clubkulturelle Themen. So schaffen wir hoffentlich für alle Bevölkerungsgruppen eine Vielfalt von Angeboten. Dazu gehören zum Beispiel auch virtuelle Rundgänge durch Museen der Region. Der rbb nimmt die Nutzerinnen und Nutzer auf 360-Grad-Touren in das Potsdamer Barberini-Museum, das Alte Museum in Berlin und weitere Sammlungen mit.

          Vergüten Sie die Übertragungen den Häusern auch wie üblich?

          Wir vergüten Aufwände, aber wir sind weit von den komplizierten Lizenzvereinbarungen und auch Lizenzzahlungen entfernt, die solchen Übertragungen sonst vorausgehen müssten. Die Häuser treten als großzügige Partner auf, die das Interesse des Publikums in den Mittelpunkt stellen. Die gleiche Großzügigkeit zeigen Künstlerinnen und Künstler, bei unserem jüngsten Projekt mit dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt traten die Weltklasse-Musiker ohne Honorar auf.

          Wie sehen Sie Ihre Verantwortung gegenüber Produzenten und Künstlern? Spielt der „Solidaritätsgedanke“, den Angela Merkel fordert, eine Rolle?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.