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DLF-Intendant Stefan Raue : „Uns fehlen viele Stimmen im Programm“

Und was ist mit den immer lauter werdenden Meinungen in der Gesellschaft, die auf unhaltbaren und demokratiefeindlichen Behauptungen beruhen? Besteht Ihr Auftrag auch darin, diese repräsentativ abzubilden?

Öffentlich-rechtliche Medien haben zwei Aufgaben: zu spiegeln, was in der Gesellschaft ist. Und es einzuordnen. Wir können auf keines von beiden verzichten. Es wäre fatal, wenn wir vor lauter Einordnerei ein Bild zeichnen, in dem sich die Menschen draußen nicht mehr wiederfinden. Sie müssen die Themen wiederfinden, über die sie auch in ihrer Umgebung, am Arbeitsplatz reden. Man muss aber ein bisschen aufpassen, dass man das nicht mit einer Pseudo-Quotierung in die falsche Perspektive bringt. Es wäre fatal, wenn wir das immer 50:50 mischen würden. Man muss sich schon mit der abweichenden Meinung auseinandersetzen, aber in einem Maß, das der Wirklichkeit entspricht.

Ist man dann nicht ein Fähnchen im Wind des gesellschaftlichen Klimas? Um es konkret zu machen: Jeder vierte Deutsche denkt antisemitisch. Gehört das auch ins Programm?

Nein. Natürlich gehört zum Credo des demokratischen Journalismus, dass dem Antisemitismus kein Platz gegeben wird. Aber wir müssen natürlich auch benennen, was an antisemitischen Formulierungen, Unterstellungen, Strömungen im Land unterwegs ist. Und das nicht nur in der Form indirekter Rede. Ich glaube schon, dass wir uns diesem Phänomen in eine sehr wachen Art stellen müssen. Aber antisemitische Hetze hat im Programm nichts zu suchen.

Stefan Raue beim Interview.
Stefan Raue beim Interview. : Bild: Julia Zimmermann

Der Auftrag heißt auch, an der Meinungsbildung mitzuwirken. Ist das nicht die Lizenz dazu, dazu beizutragen, dass sich die Meinungen in der Gesellschaft ändern? Muss man diese Lizenz nicht in Anspruch nehmen?

Beitragen heißt nicht agieren. Natürlich tragen wir zur Meinungsbildung bei. Aber nicht im missionarischen Sinne, nicht im Sinne einer Agenda. Auch nicht keimfrei und nur an den reinen Fakten orientiert. Sondern in einer Form, dass sich die Menschen auch damit auseinandersetzen möchten. Wenn ich Menschen Statistiken vorlese, werden sie nicht mit mir in Diskussion gehen.

Sie haben in Ihrem F.A.Z.-Beitrag auch geschrieben, dass wir neue „Plattformen und Foren“ schaffen müssen, „wo der scharfe Austausch von Ideen, Argumenten und Meinungen diskriminierungsfrei möglich ist.“ Welche Formen meinen Sie?

Ich fände es schön, wenn uns ein paar neue Diskussionsformate einfielen. Der Hörfunk hat eine große Expertise für Diskussion und Diskurs, das ist sein Markenkern. Wir müssen es schaffen, die Menschen in eine Diskussion zu bringen, die den großen Lautsprechern in den sozialen Netzwerken nicht trauen und ihre differenzierten Meinungen dort nicht zum Besten geben. Es ist leicht, eine Diskussion zu organisieren, bei der es scheppert, darum geht es nicht.

Ein beliebter Weg, die „andere“ Meinung ins Programm zu holen, war in letzter Zeit die Rubrik „Pro und Kontra“. Die „Zeit“ hat das eingeführt, um auch Stimmen abzubilden, die sie sonst vermutlich nicht im Blatt hätte, auch die „Tagesthemen“ haben angekündigt, das in Zukunft gelegentlich zu machen. Was halten Sie davon?

Ich bin politischer Journalist. Mir fallen nicht viele Themen ein, in denen ein „Pro und Kontra“ in einer kurzen, knappen Form ergiebig ist. Es gibt die Themen. Aber schon zum Thema Corona-Maßnahmen das richtige Pro und das richtige Kontra in eineinhalb oder zwei Minuten zu formulieren, kann ich mir nur schwer vorstellen. Das gilt erst recht für Themen wie Migrationsgesellschaft, Kriminalität, Klima oder Dieselfahrzeug. Ich diskutiere gerne und ich habe es auch ganz gerne, wenn es manchmal ein bisschen konflikthaltiger ist und nicht so wischiwaschi. Aber man muss aufpassen, dass man am Ende nicht nur Schlagworte liefert.

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