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Interview mit „Bild“-Chef Kai Diekmann : Weil die „taz“ sich ändern muss

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„Zunächst einmal bin ich in den vergangenen sieben Jahren gereift und weiser geworden”: Kai Diekmann, Chefredakteur der Bildzeitung Bild: dpa

In Berlin tobt ein Pressestreit, der kurios anmutet, aber um einen harten Fragekern kreist. Was darf Satire? Ist sie der Linken vorbehalten? Der „Bild“-Chefredakteur treibt die „taz“ vor sich her. Kai Diekmann im Gespräch mit Michael Hanfeld.

          In Berlin tobt ein Pressestreit, der kurios anmutet, aber um einen harten Fragekern kreist. Was darf Satire? Ist sie der Linken vorbehalten? Der „Bild“-Chefredakteur treibt die „taz“ vor sich her. Kai Diekmann im Gespräch.

          Herr Diekmann, Sie sind seit kurzem Genosse der „taz“. Und Sie sind, so der Anschein, in Sorge um das Blatt. Warum?

          Ganz einfach: Da steckt mein privates Geld drin! Und nun nagelt meine taz, die sich doch immer so pro-feministisch geriert, einen sechzehn Meter hohen Penis an ihre Fassade, die Chefredakteurin kommentiert das Ganze im Blatt, und dann wundert man sich, dass dieser intellektuelle Paradigmenwechsel die Leser irritiert. Statt wie geplant bis zum Jahresende den 9000. Genossen gewinnen zu können, gibt es die ersten Abo-Kündigungen. Die neue Chefredaktion hat den Kontakt zu ihren Lesern offenbar noch nicht gefunden. Und als ob das nicht genug wäre, zerfleischt sich darob die Redaktion selbst. Nicht etwa wegen Atomkraft, Genforschung oder Integration - sondern wegen eines mächtigen Geschlechtsteils.

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          Ausgerechnet Sie befürchten eine Boulevardisierung?

          Boulevard ist erfolgreich - wenn man ihn betreibt wie wir. Was die taz macht, ist allerdings Boulevard der siebziger Jahre, sozusagen die Eis-am-Stil -Phase: Sex und Zoten. Um die neue Chefredakteurin der taz , Ines Pohl, tut es mir leid: Da ist eine neue Regierung, es gibt große Diskussionen um Klimagipfel, Betreuungsgeld, informationelle Überforderung - und Frau Pohl widmet einen ihrer größten Leitartikel prallen Hodensäcken , langen Pimmeln und der Frage: Wie viel Schwanz darf sein? Kein guter Start.

          Sie liefern sich in Ihrem Blog einen Schlagabtausch mit der „taz“ und deren Rechtsbeistand Jony Eisenberg. Er hat Ihnen untersagt, auf einen Artikel zu verweisen, den Sie selbst vor Jahren gerichtlich verbieten ließen - eine Satire, nach der Sie Ihre Männlichkeit hätten verlängern lassen. Erscheint Ihnen die Geschichte heute von Erkenntnisgewinn?

          Zunächst einmal bin ich in den vergangenen sieben Jahren gereift und weiser geworden. Was die taz damals erstritten hat, muss auch heute gelten: Satire darf zwar nicht alles - aber vieles muss sie schon dürfen, sonst kann sie ihre gesellschaftliche Funktion nicht erfüllen. Einige taz-ler und besonders ihr Anwalt Eisenberg wollen dieses Urteil anders verstehen: Gelacht werden darf - aber nur über andere. Vor Gericht und in seinen taz -Artikeln beschäftigt sich Eisenberg liebevoll mit mir und Bild . Da bin ich Sudel-Kai , mache mich mausig bei Brutalo-George W. in Washington , souffliere arschkriecherisch Stichworte und lasse meine Schmierer ihrer Lieblingsbeschäftigung nach(gehen) - aber wenn wir den Spieß einmal umdrehen, dann jammert und greint der taz -Anwalt vor Gericht, er werde gemobbt und gestalkt . Und schreibt: Was soll ich (dagegen) machen? Meine Anwaltszulassung zurückgeben und aus Deutschland weggehen? Und versichert dem Gericht treuherzig, dass er sich selbst doch an keiner Stelle zu Diekmanns Machenschaften öffentlich geäußert habe . . . An dieser Stelle müsste selbst ein Jony Eisenberg rot werden.

          Es geht um Satire. Satire darf alles, das schien bis dato der Standpunkt des Blattes zu sein, dessen Anteile Sie halten und den Sie selbst auch vertreten.

          Das stimmt, das hat die taz immer gesagt, und das habe ich streckenweise auch geglaubt. Aber im Moment reagieren viele Genossen so empfindsam, als wären sie soeben einem Pensionat für höhere Töchter entsprungen. Offenbar sind die meisten tatsächlich genau die Spießer, für die ich sie jahrelang gehalten habe. Nix Bohème, nix progressiv, einfach nur jämmerlich und beleidigt. Als taz -Genosse finde ich: Das schadet unserem Image.

          Von Ihrem Büro können Sie auf das Relief blicken, das an der Fassade des „taz“-Hauses prangt. Es stammt vom Bildhauer Peter Lenk und zeigt einen Zeitgenossen, der Ihre Züge und ein großes Gemächt trägt. Das hat „taz“-intern zu einer heftigen Debatte geführt. Der Vorstand hat nun beschlossen, es abzuhängen. Sie wollen die Installation erhalten. Erscheint Ihnen das wirklich für Kunst?

          Nein. Aber zuzusehen, wie sich die taz darüber selbst zerfleischt, ist nicht ohne Höhepunkte. Da bin ich brutalstmöglicher Voyeur - ich kann gar nicht mehr weggucken! Insofern wünsche ich dem Werk, jetzt mal mit einer Eis-am-Stil-Zote - großes Stehvermögen.

          Die Chefredakteurin Ines Pohl hat erklärt, es ginge wohl um ein „tiefes Männerproblem: Wer hat den Längeren?“ Geht es wirklich darum? Und was würde Sigmund Freud dazu sagen?

          Viel entscheidender ist, was die Leser sagen. Die schreiben in Leserbriefen: Ich (langjähriger taz-Abonnent) finde es unmöglich, pervers und primitiv, dass Sie Ihre Fassade mit einem Riesen-Pimmel verunstalten! Aber sie schreiben auch: Glücklicher Kai: Die taz ist endgültig und absolut Deine taz, und Kai ist unser Kai, dessen über uns allen thronenden Penis wir nun göttergleich anbeten. Mehr kann man nicht erreichen.

          Diesen Mittwoch findet nun eine außerordentliche Betriebsversammlung der „taz“ statt. Was erwarten Sie sich von dem Treffen?

          Wenn es zu einer Gewaltorgie kommt und Ines Pohl dies als Chefredakteurin nicht überleben sollte, stehe ich zumindest als Interimslösung jederzeit zur Verfügung. Dass das gut funktioniert, habe ich als Chefredakteur der Jubiläums-„taz zum 25. Geburtstag der Zeitung ja bewiesen: höchste Auflage aller Zeiten.

          Und dann ist eine ominöse Pseudo-“taz“ aufgetaucht. Die macht mit dem Appell auf „Wir sind Schwanz“. Trotz fieberhafter Recherchen hat die Redaktion den Urheber nicht gefunden. Man darf vermuten, dass Sie dahinter stecken.

          Sie vermuten richtig. Jetzt lasse ich die Druckplatte der Sonderausgabe in einem schönen Rahmen und mit Widmung an Ines Pohl übergeben.

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