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Interview : Mir fehlt ein Gen für Milde

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Ich bin politisch oder ideologisch nicht so festgelegt, daß mich irgendeine Meinung wütend macht. Was mir fehlt - und da bin ich womöglich manchmal unfair -, ist ein Gen für Milde. Wenn jemand schlicht und einfach nicht kann, körperlich oder geistig, habe ich damit kein Problem. Wenn aber jemand aus seiner Dummheit oder Borniertheit ein Programm macht, werde ich aggressiv. In der Sendung habe ich mich aber im Griff. Wir wissen schließlich, wen wir da einladen. Und dieses Wissen macht mich dann doch auch milde - hoffentlich!

Wie äußert sich das?

Man muß auch gönnen können, auch mal sagen: Sie haben gewonnen. Manchmal zeige ich das, indem ich einfach aufhöre zu fragen und damit demonstriere: Ich habe verstanden, Sie wollen es nicht sagen. Außerdem gibt es im Fernsehen die Möglichkeit, sich durch Körpersprache auszudrücken, auch, daß man sich an jemandem abgearbeitet hat, daß manchmal der Weg schon die Botschaft ist und daß es des Finales gar nicht mehr bedarf.

Seit einem guten halben Jahr produzieren Sie Hart aber fair selbst, mit Ihrer Firma Ansager & Schnipselmann. Sind Sie dadurch freier geworden?

Wir sind vom Sender ja noch abhängiger als zuvor. Als Festangestellter können Sie sagen, ich glaube, ich möchte die Sendung nicht mehr moderieren, sucht mir mal was anderes. Nein, was sich verändert hat, ist zunächst etwas Persönliches. Ich habe jetzt mein journalistisches Alter ego auch als Geschäftspartner, den Schnipselmann Jürgen Schulte eben. Ich war Einzelkind und deswegen genieße ich jetzt unser gemeinsames Projekt: Zwei Jungs spielen großes Fernsehen.

Hat die direkte Auseinandersetzung mit den politischen Akteuren Ihren politischen Blick verändert?

Nein. Ich habe schon fast alles gewählt, was man demokratisch wählen kann, auch schon bewußt ungültig. Ich bin eben, was ich manchmal als Manko empfinde, kein politisch sozialisierter Mensch. Ich bin nicht auf Demos gegangen, und wenn ein Redakteur und Chefredakteur einer Partei angehörte, dachte ich immer, Mensch, hat der das nötig? Aber persönlicher Respekt kann durchaus auch meine Wahlentscheidung beeinflussen. Ansonsten ist mir alles suspekt, was als professioneller Gutmenschen daherkommt: Wenn jemand Altruismus vortäuscht, um eigene Interessen durchzusetzen, oder wenn einer ein Menschenbild vor sich herschiebt, das er nicht lebt, ob als Politiker oder als Partei.

Der Moderator hat ja etwas von einem Schiedsrichter. Der Beste soll gewinnen, wenn nötig zeigt er die Gelbe oder Rote Karte. Aber Sie kommen ja nicht umhin, eine Meinung zu entwickeln.

Das ist richtig. Es wäre Unsinn zu behaupten, als Moderator habe man keine Meinung. Schon wenn man etwas wegläßt, kann man damit eine Riesenaussage treffen. Wir bemühen uns jedoch, diese persönliche Betroffenheit immer wieder transparent zu machen. Wenn wir etwa einen Film über Windräder machen, lautet der letzte Satz: Das weltgrößte Windrad ist übrigens zweieinhalb Kilometer vom Haus des Moderators entfernt. Das ist ehrlich und selbstironisch.

Ist Fairness nicht auch eine Form von Manieren, von Höflichkeit?

Nein. Höflichkeit ist eine Tugend, die das Zusammenleben von Menschen regelt und leichter macht, und ich kann mir durchaus einen Menschen mit besten Manieren vorstellen, der letztlich unfair ist.

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