https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/internetzensur-blumen-fuer-google-in-china-1907922.html

Internetzensur : Blumen für Google in China

  • -Aktualisiert am

Vor der Google-Zentrale in Peking Bild: AP

Der Internetdienst Google verzichtet künftig auf die Selbstzensur in China – und riskiert dabei die Sperrung durch die Behörden. Der Fall hat eine besondere symbolische Dimension und birgt für die Regierung ein besonderes Risiko.

          4 Min.

          Nach Googles Ankündigung, seine Selbstzensur gemäß staatlichen Vorgaben zu beenden, wird man bei google.cn jetzt auf ein eigenes Stichwort „Tiananmen Massacre“ geleitet und auf Chinesisch „Selbstverbrennung Tiananmen“, was sich auf die Verzweiflungstat einer Falun-Gong-Anhängerin auf dem Platz des Himmlischen Friedens bezieht. Die einzelnen Einträge, die man dort findet, sind jedoch überwiegend harmlose Randbemerkungen, die sich in staatlich kontrollierten Internetportalen fanden.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der Unterschied zu google.com ist groß, wo als Erstes die Panzer während der Niederschlagung der Demokratiebewegung von 1989 gezeigt werden und danach mehrere Wikipedia-Eintragungen zum Thema aufgeführt werden. Auch google.com kann man in China benutzen, was aber natürlich nur für die Englischsprechenden von Interesse ist. Viele der einzelnen Eintragungen lassen sich jedoch in China nicht öffnen, da ganze Internetportale oder bestimmte Seiten von einer speziellen staatlichen Internetpolizei gesperrt werden.

          Konkurrent Baidu

          Das auf den ersten Blick Widersinnige dieser umfangreichen Zensurmaßnahmen ist, dass kundige Internetbenutzer mittels eines Proxy-Servers trotzdem relativ leicht auf die vorenthaltenen Seiten gelangen können. Die vermeintliche Inkonsequenz hat jedoch Methode: Die Kundigen, die ohnehin schon über Informationen und wahrscheinlich auch über Zugang zu internationalen Quellen verfügen, haben dadurch ein Informationsventil, während der ganz überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, die auf die Vorsortierung der Nachrichten in den heimischen Suchmaschinen angewiesen ist, gar nicht auffällt, dass ihr etwas fehlt.

          Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass google.cn keineswegs der Marktführer in China ist. Während Google bloß einen geschätzten Marktanteil von 29 Prozent hat, kommt der Konkurrent Baidu.com auf 62 Prozent, obwohl ihm der Ruf vorauseilt, staatlichen Zensurvorgaben noch viel strikter zu entsprechen. Nicht einmal die zahlreichen Serviceleistungen, die Google seinem Mitbewerber voraushat, konnten an dem Missverhältnis etwas ändern.

          Die Suchmaschine google.cn ist unterteilt in einzelne Sparten wie Videoclips, Fotos, Einkäufe und Musik. Bei der „Landkarte“ kann man alle Städte und Regionen Chinas anklicken und findet dort nützliche Tips für Restaurants, Geschäfte, Ausflüge, Schulen und Krankenhäuser. Wie Baidu hat Google.cn auch eine eigene Nachrichtenabteilung. Die Quellen sind hier jedoch wie überall staatliche Agenturen und Zeitungen. Die Top-Nachrichten gestern waren: Chinesische Experten helfen im Erdbebengebiet von Haiti; die öffentlichen Raketenabwehr-Übungen zeugen von der wachsenden Transparenz des chinesischen Militärs; 7,6 Millionen Menschen machen sich in der Stadt Hangzhou auf, um ihre Familien zum Frühlingsfest zu besuchen. Ähnliche Nachrichtenportale gibt es viele in China; besonders beliebt sind die von sohu.com und qq.com.

          Die moralischen Standards des Westens verändern

          Sollte google.cn wegen seiner Weigerung, den staatlichen Zensuranordnungen weiter zu willfahren, tatsächlich geschlossen werden, würde sich die Informationslage in China selbst also nicht wesentlich verändern. Das war auch der Grund, weshalb die meisten Internetbenutzer Google seine bisherige Kollaboration nicht übelgenommen haben – während Unternehmen, die den Behörden Informationen zu einzelnen Nutzern weitergeleitet hatten, scharf kritisiert wurden. Wer mehr wissen wollte, als die Regierung zugesteht, konnte ja auf google.com ausweichen. Vor Jahren schon fanden sich jedoch auch sarkastische Stimmen wie diese: „In einem schwachen China unterwirft sich die Regierung den Ausländern, bevor sie unser Volk verfolgt; in einem starken China unterwerfen sich die Ausländer unserer Regierung, bevor sie unser Volk verfolgt. China verändert mit seinen billigen Waren nicht nur den Lebensstil im Westen; es nutzt seinen gewaltigen Markt auch dazu, die moralischen Standards des Westens zu verändern.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Bildungsmarkt
          Alles rund um das Thema Bildung
          Sprachkurs
          Verbessern Sie Ihr Englisch
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch