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Internetzeitung „Mediapart“ : Frontal gegen den Zeitgeist

  • -Aktualisiert am

Zeitung der Alternativen, der Empörungen, der sozialen Bewegungen: „Mediapart“-Redakteure bei der Arbeit. Bild: Reuters

Ihre Artikel sind episch lang, die Inhalte kostenpflichtig: Die Online-Zeitung „Mediapart“ ist trotzdem zur drittgrößten Tageszeitung Frankreichs aufgestiegen. Ihre Sarkozy-Recherche war kein Glückstreffer.

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          Es ist der Traum jedes Journalisten, ein neues und neuartiges Medienorgan mit aufzubauen und dieses nach rauhen Anfängen zu Ruhm und (relativem) Reichtum kommen zu sehen. Für die sechzehn Mitglieder des ursprünglichen Redaktionsteams von „Mediapart“, die heute noch mit dabei sind, ist dieser Traum in Erfüllung gegangen. Sie feiern dieser Tage das zehnjährige Bestehen einer Internetzeitung, deren Erfolg in der französischen Medienlandschaft – genauer: im krisengeplagten Marktsegment der überregionalen Tagespresse – als einzigartig heraussticht. „Mediapart“ ist nach „Le Monde“ und „Le Figaro“ heute die drittgrößte Zeitung des Landes.

          Niemand hätte auf diesen Erfolg gewettet, als „Mediapart“ am 16. März 2008 lanciert wurde. Vieles an dieser Zeitung war untypisch, um nicht zu sagen frontal dem Zeitgeist entgegengesetzt. Sie hatte den Ehrgeiz, ein „Pure Player“ zu sein, das heißt nur im Netz zu existieren, wo Frankreichs meistbesuchte Nachrichtenportale allesamt Nebenerzeugnisse von Printprodukten waren (und noch heute sind). Sie setzte auf ein zahlungspflichtiges Abonnement-Modell, wo alle gedruckten Blätter dabei waren, ihre Inhalte gratis ins Netz zu stellen. Und sie veröffentlichte Artikel von geradezu epischer Länge, wo die Tendenz fast überall sonst auf Kurzfutter stand.

          Täglich eine Polemik

          Vor allem jedoch bezog „Mediapart“ von Beginn an Stellung gegen Nicolas Sarkozy. Dieser genoss Anfang 2008 noch den „état de grâce“, die Schonfrist nach seinem Sieg bei der Präsidentenwahl des Vorjahrs. Er betörte beziehungsweise betäubte die Medien, indem er täglich ein Projekt ankündigte, eine Polemik vom Zaun brach, einen Untergebenen an den Pranger stellte. Solcherart auf Trab gehalten, kam der Tross der akkreditierten Elysée-Berichterstatter kaum mehr dazu, Fakten zu überprüfen und abseits der durch die präsidentielle PR-Maschinerie markierten Trampelpfade zu recherchieren. Hier sah „Mediapart“ sein Betätigungsfeld.

          „Die Anfänge waren hart“, sagt Marine Turchi. Sie betreut die Themengebiete „Rechtsextremismus“ und „sexualisierte Gewalt“ und gehört zu den sechzehn Redaktionsmitgliedern, die die Momente des Zweifels und der Entmutigung der Frühphase mit durchgemacht haben. „Ansprechpartner damals verstanden unseren Namen stets falsch. Bald nannten wir uns selbst im Scherz ,Mediapark‘.“ Sich einen Namen machen und so zahlungsbereite Interessenten anziehen war schwieriger als gedacht.

          Statt der erwarteten zehntausend Abonnenten startete „Mediapart“ mit deren 3500. Wohl konnte die Zeitung mit exklusiven, brisanten Informationen aufwarten, etwa über die Finanzkrise bei der Bankengruppe Caisses d’Épargne oder über eine unter dem Namen „Karachi“ bekanntgewordene Korruptionsaffäre um die illegale Finanzierung der damaligen Regierungspartei durch Rückprovisionen aus Waffenverkäufen. Aber diese Enthüllungen wurden durch die etablierten Medien totgeschwiegen.

          Erstes Blatt für investigativen Journalismus

          Das änderte sich am 16. Juni 2010, als „Mediapart“ Ausschnitte aus Gesprächen der L’Oréal-Hauptaktionärin Liliane Bettencourt mit Besuchern veröffentlichte, die der Majordomus der reichsten Frau Europas heimlich mitgeschnitten hatte. Diese Aufnahmen ließen den Verdacht einer illegalen Finanzierung von Sarkozys erster Präsidentschaftskampagne aufkommen. „Von diesem Tag an“, erinnert sich Turchi, „blickten Berufskollegen ganz anders auf uns.“ Mit Enthüllungen über nicht deklarierte Bankkonten von François Hollandes Budgetminister Jérôme Cahuzac sowie über die mutmaßliche Finanzierung von Sarkozys erster Präsidentschaftskampagne durch Libyens „Revolutionsführer“ Muammar al Gaddafi – zu der die französische Polizei Sarkozy gerade einvernommen hat –, lief „Mediapart“ dem Satireblatt „Le Canard enchaîné“ den Rang als Frankreichs erstes Blatt für investigativen Journalismus ab.

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