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Internetsucht in China : Vertrauen ist die beste Medizin

  • -Aktualisiert am

Im Sog des Netzes: Internetsurfer in einem Pekinger Cybercafé Bild: AP

Ist das Internet eine Krankheit, und wenn ja: Ist sie heilbar? Immer mehr chinesische Eltern entdecken bei ihren Kindern merkwürdige Symptome der Apathie. Der Umgang mit den Vereinzelungsnöten der Jugendlichen fällt ihnen schwer.

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          Das hatte Konfuzius nicht vorausgesehen: Chinesische Eltern sitzen in einem Klassenzimmer und lernen mit gesenktem Haupt, wie sie ihre Kinder mehr achten sollen. Alles, was die chinesische Tradition über das Verhältnis der Generationen, über die ehrfurchtsvolle Unterordnung der Jungen unter die Alten bis heute hin lehrt, scheint in diesem blassen Raum auf den Kopf gestellt zu sein. Es sind etwa zwanzig Frauen und Männer, die da in ihren grauen Jacken in den Bänken sitzen, und etwas Graues, vom Leben Gebeugtes liegt insgesamt über diesem Unterricht. An der Wand hängt ein Plakat mit den von Staatspräsident Hu Jintao proklamierten „Acht Ehren und acht Schanden“, aber auch das hellt die Stimmung nicht auf. Die Eltern haben einen verzweifelt schweren Grund, alles hintanzustellen, was sie bisher über ihre Rolle dachten: Ihre Kinder sind „internetsüchtig“. Jedenfalls bringen die Eltern die vielen merkwürdigen Erscheinungen auf diesen Begriff, in denen sie ihre Töchter und Söhne in letzter Zeit nicht wiedererkennen: diese Apathie, die bis zum völligen Verstummen reicht, die Vernachlässigung des Schulbesuchs, das tagelange Verschwinden oder auch das Gegenteil, ein wochenlanges Verbarrikadieren im eigenen Zimmer. Manche Kinder sollen sogar den Toilettenbesuch eingestellt haben und dazu übergegangen sein, Windeln zu tragen.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In China ist „Internetsucht“ seit mehreren Jahren ein ganz großes Thema. Das Internet im Allgemeinen und Computerspiele im Besonderen stehen im Verdacht, auf bestimmte junge Leute einen derartigen Sog auszuüben, dass sie für das normale Leben und dessen Leistungsanforderungen untauglich werden - ein gerade für chinesische Eltern, die gewohnt sind, ihre ganze Existenz auf das berufliche Fortkommen der Kinder auszurichten, zutiefst beunruhigender, ja unheimlicher Vorgang. Die Zahl der Betroffenen wird auf zehn Millionen im Land geschätzt. Die Regierung in Peking förderte die Erörterung des Schreckensphänomens im Rahmen ihrer Pläne für restriktivere Regularien für das Internet; sogar ein Großteil der Jugendkriminalität wurde darauf zurückgeführt. Das Zentralkomitee des Kommunistischen Jugendverbands sprach von einem „schweren gesellschaftlichen Problem, das die Zukunft der Nation bedrohen kann“.

          Unsanfte Therapiemethoden

          Im privatwirtschaftlichen Raum entstand eine ganze Industrie von „Internet-Camps“, die versprachen, die von der Seuche befallenen Jugendlichen innerhalb kürzester Zeit zu heilen. Die einschlägige Branche wuchs rapide, bis im August letzten Jahres ein fünfzehn Jahre alter Junge in einem dieser Lager, die in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich sind, totgeschlagen wurde. Der Fall wirbelte im In- und Ausland viel Staub auf, und mit einem Mal war das vorher von verschiedenen Seiten so geförderte Thema aus der Öffentlichkeit verschwunden. Viele Eltern fragten sich, ob es eine Krankheit namens „Internetsucht“ überhaupt gebe, und waren verstörter denn je. Das Gesundheitsministerium verbot die bis dahin offenbar verbreiteten Therapiemethoden Prügel und Elektroschock und mahnte die Eltern, ihre Kinder nur staatlich anerkannten Institutionen anzuvertrauen.

          „Aber das Problem“, sagt Tao Ran, „ist geblieben.“ Tao ist Offizier der chinesischen Volksbefreiungsarmee, und zugleich ist er Chinas führender Internetsucht-Psychologe. Er hat in dieser Kaserne am Pekinger Stadtrand, in der wir jetzt mit ihm sitzen, 2004 das erste aller Internet-Camps eröffnet. Doch im Unterschied zu den geschäftstüchtigen Nachahmern, die er fand, setzte er von Anfang an auf eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern. Dass Jugendliche sich plötzlich von der Welt abschließen, sagt er, hänge vor allem damit zusammen, dass ihre Eltern sich nicht in sie hineinversetzen können und sie alleinlassen - oft deswegen, weil ihnen die Gefühls- und Vereinzelungsnöte der heutigen Jugendlichen aus ihrer eigenen, stärker von kollektiven Verhaltensmustern geprägten Vergangenheit unbekannt sind. Deshalb sollen nicht nur die Jugendlichen drei Monate lang zur Therapie in die Kaserne kommen, sondern auch die Eltern, wenigstens einer von beiden. Das ist keine kleine Sache. Viele müssen ihre Arbeit dafür aufgeben, und sie müssen mit schlichten Etagenbetten und Gemeinschaftsduschen Vorlieb nehmen. Doch ihr Grad an Verzweiflung ist so groß, dass sie mit allem einverstanden sind.

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