https://www.faz.net/-gqz-7p2b5

Internetkonferenz Republica : Die Netzgemeinde hat versagt

  • -Aktualisiert am

Blogger und Journalist Sascha Lobo rief dem Publikum zu: „Ihr habt versagt“ Bild: dpa

Die Internetkonferenz Republica ist unüberschaubar geworden. Nur Edward Snowden gibt ein großes Thema vor. Sascha Lobo liest der Netzgemeinde die Leviten.

          5 Min.

          Die Republica hat begonnen, was im Grunde nicht viel mehr bedeutet, als dass sich in Berlin wieder Blogger aus aller Welt treffen, um mehrere Tage lang darüber zu reden, was sie tun. Das alles begann einmal als Internetkonferenz, wurde diesmal aber als „Gesellschaftskonferenz” eröffnet. Man kann es am Publikum sehen: Hier sitzt jedermann, nur selten mit technischem Gerät auf dem Schoß, zuweilen nicht einmal mit Smartphone in der Tasche.

          In Zeiten, da als Blogger jeder gilt, der Facebook nicht nur zum Lesen benutzt, haben sich die Grenzen zwischen Internet und Gesellschaft ohnehin aufgelöst. Dass es keine „Netzgemeinde“ gebe, befand im Laufe des Tages sogar eine Mehrheit von Zuhörern eines Vortrags, als sie explizit danach gefragt wurden. Es gilt die Losung der Veranstalter: Die Republica habe es immer schon gegeben, nur sei man irgendwann dazu übergegangen, zu einer bestimmten Zeit auch Räume für sie anzumieten.

          Zumindest dieses ursprüngliche Ereignis ist nun sieben Jahre her. Inzwischen, sagt Mitveranstalter Johnny Haeusler, sind auf der Konferenz mehr Helfer unterwegs, als im ersten Jahr Teilnehmer da waren. Aus 700 Themenvorschlägen habe man ein Programm mit 300 Terminen kuratiert, das an drei Tagen auf 18 Bühnen absolviert wird. Es ist unüberschaubar. „Willkommen in der Wildnis“ lautete daher das Grußwort, wie auch das Motto der drei Tage. Nur einen Fokus legten die Veranstalter zur Eröffnung explizit dar.

          Auf der Suche nach Kraft und Wahrheiten

          Ein Fünftel der Veranstaltungen befasse sich mit Netzpolitik, sagte Markus Beckedahl. Wenn es ums Digitale gehe, und auch wenn die kulturellen Aspekte hierbei die technischen bewusst überwiegen sollen, gehe es doch auch um „kriminelle Geheimdienste, die mit unvorstellbaren Ressourcen uns das Netz entrissen haben”. Wer das aus den Augen verliere, lasse zu, dass die NSA-Aktivitäten bald als Machbarkeitsstudie für alle anderen Geheimdienste gälten.

          Trotz aller Probleme, die Lösungen erfordern, sagte Tanja Haeusler: „Wir sind hier nicht auf der Suche nach Wahrheiten, sondern auf der Suche nach Kraft.” Was sie meinte, zeigten Andy Bichlbaum und Mike Bonanno im Eröffnungsvortrag, mit dem sich Johnny Haeusler einen wahrscheinlich lange gehegten Traum erfüllte. Bichlbaum und Bonanno firmieren unter dem Titel „The Yes Men”. Sie können als legitime Erfinder des „Trollens” gelten, lange bevor diese Art der sozialen Störung für kollektive Erschöpfungswellen im Internet und in politischen Parteien sorgte.

          Bloggen, twittern, simsen: Auf der Republica 2014 in Berlin

          Technisch gesprochen, veranstalten die „Yes Men” Krisenexperimente. Sie kommen als Hochstapler, umschmeicheln ihre Opfer mit Versprechen und Annehmlichkeiten und drehen den Spieß dann um, wenn ihnen niemand mehr entrinnen kann. So haben sie kürzlich eine Konferenz des amerikanischen Homeland-Security-Ministeriums in einen Regentanz verwickelt, nachdem sie dem Publikum auch noch Applaus für einen Plan entlockt hatten, in Amerika eine Energiewende nach deutschem Vorbild herbeizuführen. Die Anwesenden ließen sich leicht überzeugen: Amerikaner wollen „American” sein, statt „American’t”. Das Publikum lachte schon über das Wortspiel, dann zeigten die „Yes Men” das Beweisvideo des Tanzes.

          Es geht also lustig zu, auch dann, wenn Edward Snowden als abwesender Gast immer wieder zum Thema wird. Das galt beispielsweise beim Gespräch auf der Bühne mit  der Anwältin und Aktivistin Sarah Harrison, oder für Jacob Appelbaum, der mit denselben Argumenten für Verschlüsselungssoftware warb, mit denen ansonsten Kondome beworben werden. Sei die Gefahr auch riesig, Verzicht sollte nicht die erste Wahl zur Abhilfe und Abwehr von Risiken sein, sonst ginge der zwischenmenschliche Spaß gänzlich verloren.

          Ernst wird es beim Thema Russland

          Darüber, dass das der Fall sein kann, sprach auf einer Nebenbühne Andrei Soldatov, einer der einflussreichsten investigativen Journalisten Russlands. Er berichtete von zunehmender Zensur und Überwachung des Internets in Russland – eine Entwicklung, die seit 2011 verstärkt zu beobachten sei. Es ist ein entsprechend düsteres Szenario: Der Ausbruch des Arabischen Frühlings, der andernorts Hoffnungen schürte, habe damals die russischen Behörden in große Sorge versetzt. Es drohte, dass soziale Netzwerken wie Facebook auch in Russland zur Organisation öffentlichen Protests genutzt werden könnten.

          Weitere Themen

          Die Lunge im Kirchenfenster Video-Seite öffnen

          Göttlicher Odem : Die Lunge im Kirchenfenster

          Ein katholisches Gotteshaus in München brauchte neue Glasfenster. Zum Zug kam ein Künstler, der ein Stück Medizinalltag in ein Symbol für Leben und Vergänglichkeit verwandelte.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.