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Internetguerilla : Pizzas und Kanonen

Rückkehr aus dem Internet: Anonymous-Kundgebung gegen Scientology in Clearwater, Florida, 2011 Bild: Anonymous9000/flickr/cc

Die Hackerguerrilla Anonymous begann als als Spaßbewegung und wurde zu einer politischen Bewegung. Wer im Internet den Hass des ungreifbaren Kollektivs zu spüren bekommt, sollte sich in Acht nehmen.

          Es dauerte nicht lange, bis Aaron Barr bemerkte, dass er einen großen Fehler gemacht hatte. Monatelang hatte der Geschäftsführer des amerikanischen Sicherheitsunternehmens HBGary Federal an einem Vortrag gearbeitet, in welchem er auf die frappanten Sicherheitsmängel sozialer Netzwerke aufmerksam machen wollte. Um seine These zu beweisen, wollte er zeigen, wie leicht sich sogar Mitglieder identifizieren lassen, denen an absoluter Geheimhaltung gelegen ist, zum Beispiel die Mitglieder der rätselhaften Aktivistengruppe Anonymous. Über das vermeintlich führerlose Internetkollektiv habe er Dinge herausgefunden, die für die Regierung interessant sein könnten, behauptete Barr in einem Interview: die Namen ihrer Anführer, zum Beispiel. 48 Stunden später war der Mann am Ende.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Mit wem er sich da eingelassen hatte, das glaubte Barr dabei genau zu wissen. Welche Energie die Aktionen von Anonymous entfachen konnten, war spätestens seit dem Dezember 2010 allgemein bekannt, als die Gruppe mit Hilfe sogenannter Distributed-Denial-of-Service-Attacken (DDos) die Websites von Firmen wie Paypal, Mastercard und Visa lahmgelegt hatte, weil diese sich geweigert hatten, Spenden an Wikileaks weiterzuleiten. Ähnlich ging es im Januar den Internetseiten der Regierungen von Tunesien und Zimbabwe. Die mächtige Waffe, die Anonymous dabei einsetzte, die sogenannte Low Orbit Ion Cannon, war zwar nur metaphorisch eine Kanone, aber das reichte vielen Journalisten, um laut „Cyberwar“ zu schreien. Seitdem genügt der Hinweis auf „Anonymous“, um den virtuellen Terrorismus zu beschwören, das Bild einer gesetzlosen Hackerarmee, die in dunklen Bunkern ihr zerstörerisches Unwesen treibt.

          Barr kannte seine Gegner. Er rechnete nicht nur mit DDoS-Angriffen, er versprach sich von ihnen sogar einen positiven Effekt: Ein paar Stunden würde die HBGary-Seite offline sein, danach weltberühmt. Mit dem Desaster, das stattdessen kam, rechnete er nicht: Anonymous hackte die Seite von HBGary, lud 68.000 E-Mails herunter und veröffentlichte sie im Internet. Die Aktivisten übernahmen Barrs Twitter-Konto und verrieten dort seine Adresse und seine Sozialversicherungsnummer. Ende Februar trat Barr von seinem Posten zurück, und dass er die Angst um seine Familie als Begründung heranzog, das war in diesem Fall ganz sicher keine Floskel.

          Der Geist des Nihilismus

          Der Triumph über eine hochkarätige Sicherheitsfirma war selbst für die Aktivisten von Anonymous überraschend. Der Rachefeldzug gegen Barr war eine eindrucksvolle Demonstration ihrer Fähigkeiten. Was aber für viele Freunde der Anonymous-Idee noch wichtiger war als der Erfolg, waren die fragwürdigen Methoden, die dabei angewendet wurden: In der Bloßstellung eines unvorsichtigen Großmauls, im schonungslosen Psychoterror, der all jene trifft, auf die sich die Gruppe einmal als Opfer geeinigt hat, darin leuchtete jene eigenwillige Form von Humor auf, die viele Anhänger von Anonymous für das eigentliche Ziel des Kollektivs halten, für seine raison d'être: „the lulz“.

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