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Internet-Videoportale : Wo Hitler um Michael Jackson trauert

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Wie den allermeisten Parodien liegt diesen teils mehr, teils minder gelungenen Veralberungen der Impuls einer zugeneigten Hommage zugrunde, das Bedürfnis, den liebgewonnen, in vielfachen Sichtungssessions fast zu Familienangehörigen avancierten Heroen von Leinwand und Bildschirm persönlich Tribut zu zollen. Der spezielle Charme entfaltet sich vor allem im Moment der Distanzverminderung, in der banalen Grundierung der fiktiven Überhelden im Lebensfeld des Allzumenschlichen; und wohl nur so ist denn auch der Umstand zu erklären, dass das Gros der bedachten Figuren dem Dunstkreis von Science-Fiction und Fantasy entstammt. Einmal vom mythopoetischen Sockel gestoßen, entwickeln sie sich mit verblüffender Geschwindigkeit zu kuriosen humoristischen Selbstläufern, deren Kampf mit den Tücken des Profanen man nur allzu gern mit lautem Gelächter verfolgt: Das wahre Schlachtfeld des Helden sei der Alltag, umriss Loriot einmal sein humoristisches Erfolgsrezept, und wenn dies stimmt, so ist ein Raumschiff-Captain, der inbrünstig „Hoch auf dem gelben Wagen“ intoniert, den obszön-erotischen Annäherungsversuchen seiner Bord-Psychologin mit farbigem Wortschatz Kontra gibt und ständig an den Nähten seiner zu engen Uniform herumreißt, vielleicht tatsächlich der Inbegriff des Komischen.

Die Erkenntnis ist auch im Synchronmetier nicht neu: Schon in den siebziger Jahren legte der Berliner Sprachpionier Rainer Brandt den Grundstein für die heute allgegenwärtige Comedy-Synchronkultur, indem er die Originaldialoge fremdsprachiger Filmimporte durch sein legendäres Schnodderdeutsch ersetzte. Undenkbar wären ohne sei Zutun die Erfolge gewesen, die Roger Moore und Tony Curtis in der Fernsehserie „Die Zwei“ hierzulande feiern konnten, desgleichen die Filmstars Louis de Funès, Pierre Richard und Adriano Celentano. Seine Praxis der freien, meta-kreativen Nachbearbeitung war eine Methode der kulturellen Einverleibung, getrieben von der Erkenntnis, dass die Visualität des Mediums Film mit den Dialogen in Verbindung treten kann, als mimisch-gestisches Spiel, das eigentlich keiner weiteren Handlungseinbettung bedarf. Es war eine Volkskunst, die so entstand, grundiert in Dialekten, Gossensprache und Redensarten, die sich eher den Bewegungen der Schauspieler orientierte als an einer linearen Story.

Ein global verbreiteter Massensport

In Zeiten des digitalen Selbermachens, in der die Technik des Filmemachens zum global verbreiteten Massensport geworden ist, lebt Brandts Erbe im kleinen Format fort. Ein Ende des Booms scheint nicht in Sicht. So gibt es natürlich auch Hitler-Parodien, etwa in Form eines rund vierminütigen Ausschnitts aus Oliver Hirschbiegels Film „Der Untergang“ (2004). Inzwischen ist die Szene, in der sich der verzweifelte NS-Diktator in einen Wutausbruch gegenüber seinen Generalen hineinsteigert, auf Youtube in unzähligen Variationen abrufbar – als offenbar ideale Projektionsfläche tagesaktueller Begebenheiten: Hitler, verkörpert von Bruno Ganz, wettert innbrünstig über den Wechsel des amerikanischen Basketballstars Terrell Owens zum Team der „Buffalo Bills“ (März 2009), über den Tod von Pop-Ikone Michael Jackson, dem er doch eigens die Hautbleichungen und Schönheitsoperationen finanziert habe (Ende Juni 2009) und über das Auseinanderbrechen der Britpop-Formation Oasis, zu deren schon angekündigtem Berlin-Konzert er habe gehen wollen (Anfang September 2009). Von hoher Kunst der Persiflage zu sprechen, wäre wohl überzogen, doch überrascht die entwaffnende Naivität, die den Usurpator ganz offen in seinem tiefsten Wesensgrund zeigt: als lächerlichen Choleriker, der in seiner eigenen verspielten Traumwelt lebt.

Überspitzt formuliert kann man Comedy-Bearbeitungen durchaus als aufklärerische Waffe im ideologischen Kulturkampf werten: Sie können die Geschichte der parodierten Originale nicht um- oder neuschreiben, doch sie vermögen, dem Überlebensgroßen seine Unangreifbarkeit und manchmal auch seinen Schrecken zu nehmen. Darüber hinaus sind sie aber vor allem oft eines: gnadenlos komisch.

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