https://www.faz.net/-gqz-7az5q

Internet-Sicherheitsexperte Felix von Leitner : Der Überwachung entgehen? Das macht richtig viel Arbeit!

  • Aktualisiert am

Das ist mit Aufwand verbunden, keine Frage. Aber der Aufwand kommt nicht von den schlechten Werkzeugen, er ist der Problematik inhärent. Wir haben eben nicht so etwas wie ein Telefonbuch mit den Schlüsseln aller Bürger. Daher muss man da entweder Aufwand treiben und für jeden Kommunikationspartner von Hand den richtigen Schlüssel finden und einpflegen, oder man muss Kompromisse eingehen. Wie viel Kompromiss noch mit dem Sicherheitsbedürfnis zu vereinbaren ist, das muss am Ende jeder für sich selbst entscheiden. Nehmen Sie zum Beispiel ein Chatsystem. Da wird häufig der Kompromiss eingegangen, dass man nur den Weg zum Server verschlüsselt, nicht zum Gegenüber. Und dann tauchten sowohl bei Wikileaks als auch vor dem Militärtribunal gegen Bradley Manning Chatmitschnitte auf. Bei Manning kamen die sogar von seinem Chatpartner, den er kannte, nicht von einem Geheimdienst. Dagegen hilft natürlich keine Verschlüsselung der Welt. Letztlich ist Verschlüsselung nur ein Werkzeug, nicht die Lösung. Die Lösung ist, gewisse Dinge einfach gar nicht erst preiszugeben.

Unterscheiden sich hiesige Anfragen bei Mail-Anbietern vom Zugriff durch „Prism“ und „Tempora“? Bislang hat man den Eindruck: Da wird nicht gefragt, sondern gleich mitgelesen und mitgehört.

Auch die Schnittstellen bei uns sehen so aus, dass der Anbieter nicht mitkriegt, was da konkret an Daten abgegriffen wird, und ob überhaupt gerade etwas rausgeleitet wird. Stellen Sie sich mal vor, die Polizei ermittelt gegen einen Techniker bei einem Mail-Anbieter. Der darf doch dann nicht sehen können, wenn die seine Mails lesen. Wie das in Bürokratien so ist, wird das dann auf die Spitze getrieben. So gibt es in diesen Schnittstellen verschiedene Zugriffsebenen. Wenn ein Geheimdienst überwacht, kann der zum Beispiel auch die verdeckten Zugriffe der Polizei überwachen, ohne dass die Polizei das dann sehen kann. Das ergibt ja auch wieder Sinn, wenn man zum Beispiel einen Polizisten der Spionage verdächtigt.

Aber am Ende haben wir in unserem Land ein genauso intransparentes und gefährliches System wie die Amerikaner. Nur dass bei den Amerikanern zumindest auf dem Papier ein Whistleblower-Schutz existiert. Bei uns gäbe es keinerlei rechtlichen Schutz gegen Repressalien, wenn jemand solche Details verraten würde. Diese Schnittstellen sind übrigens standardisiert, da kann man die Standards einsehen und ist nicht auf Hörensagen und Verschwörungstheorien angewiesen.

Zum Stichwort Schnittstellen: Können die amerikanischen und britischen Geheimdienste auf die Schnittstellen bei uns so mir nichts, dir nichts zugreifen?

Das ist eine interessante Frage. Wir wissen, dass nach dem Krieg Deutschland in wesentlichen Aspekten kein souveräner Staat war und dass sich die Alliierten weitgehende Rechte vorbehalten haben. Erst in den letzten Jahren wird langsam bekannt, in welchem Umfang die Westalliierten die Post der Deutschen mitgelesen haben. Im öffentlichen Diskurs hieß es immer nur, dass die böse DDR die Briefe öffnet und mitliest und verschwinden lässt. Die bis heute geltenden Verträge zwischen Deutschland und den Alliierten sind leider geheim. Man kann nur spekulieren, was da für Verpflichtungen Deutschlands gegenüber den Siegermächten kodifiziert wurden.

Ich für meinen Teil halte es für nicht glaubwürdig, dass ausländische Dienste sich auf unsere Überwachungsinfrastruktur verlassen würden. Da könnten die sich doch nie sicher sein, dass wir nicht mitkriegen, wenn sie die benutzen. Und das würde ein ausländischer Dienst eher vermeiden wollen. Daher gehe ich davon aus, dass die zwar Zugriff haben, aber über eigene Schnittstellen. So ist seit vielen Jahren bekannt, dass über spezielle Unterseeboote Telefonleitungen am Meeresboden angezapft wurden. Man kann sich kaum ausmalen, was das für ein technischer und logistischer Aufwand sein muss und was das für Kosten verursacht. Wenn Geheimdienste zu solchen Ausgaben fähig sind, dann muss man davon ausgehen, dass sie auch alle anderen ähnlich gelagerten Projekte mit weniger oder ähnlich hohen Kosten durchgeführt haben.

Weitere Themen

Theater und die Kunst zu leben Video-Seite öffnen

Spielplanänderung – Folge 6 : Theater und die Kunst zu leben

In dieser Folge der „Spielplanänderung“ kehren wir zum wahren, schönen Leben zurück: Sardanapal ist nicht nur tragischer König und Bühnenheld, sondern vor allem ein Genießer des schönen Lebens. Zusammen mit dem langjährigen Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann erkunden wir Parallelen zwischen diesem König, der keiner sein will und heutigen politischen Disputen.

Topmeldungen

Auch in Ungarn sind nicht alle mit Orbans Politik einverstanden: Protest gegen das Gesetz zur Homosexualität am 14. Juni in Budapest

Empörung aus dem Ausland : Viktor Orbáns Lebenselexier

Von einer „Elite“, gegen die Viktor Orbán kämpfen könnte, ist in Ungarn wenig übrig. Deshalb setzt der Ministerpräsident darauf, dass seine Gesetzesvorhaben aus dem Ausland angegriffen werden.
Das Wahlplakat der Grünen

#Allesistdrin : Die schöne Welt mit Lastenrad

Ein Wahlplakat der Grünen zeigt eine vierköpfige Familie, die mit einem Lastenfahrrad durchs Grüne fährt. Und es zeigt ein Problem, das die Partei in ihrer Ansprache hat.
Objekt des Kulturkampfes von Liberalen und Konservativen: Schüler unterschiedlicher Hautfarbe in Großbritannien

Britische Debatte um Weißsein : Wer ist hier benachteiligt?

Der Bildungsausschuss des britischen Unterhauses rechnet mit dem Begriff des „white privilege“ ab. Benachteiligt seien weiße Arbeiterkinder in den Schulen. Aktivisten werfen den Konservativen Kulturkampf vor.
Das beleuchtete Kriegsmahnmal in Wolgograd - dem früheren Stalingrad - am Abend des 21. Juni 2021

Überfall auf die Sowjetunion : Die langen Nachwirkungen des Vernichtungskriegs

Die von Deutschen im Krieg gegen die Sowjetunion verübten Gräuel müssen endlich die Beachtung finden, die ihnen angesichts ihres unglaublichen Ausmaßes zukommt. Nicht nur aus moralischen, sondern auch aus politischen Gründen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.