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Internet-Pornographie : Im Weltreich der nackten Daten

Alle können allen bei allem zusehen und glauben sich dabei – wie man jetzt weiß, meistens zu Unrecht – unbeobachtet Bild: Illustration Kat Menschik

Pornographie im Netz ist das „stillste Big Business der Welt“: Allein in Amerika werden zwischen drei und zehn Milliarden Dollar jährlich verdient. Steckbrief einer visuellen Großmacht.

          9 Min.

          Das Zeug ist überall. Manche nennen es Entspannung, andere Erniedrigung, einigen ist es ein Riesengeschäft, vielen eine Besorgnis. Seit vernetzte und mobile Rechner die Reichweite, Auflösung und Verfügbarkeit von starren wie bewegten Bildern in nie gekanntem Ausmaß erweitert haben, kann, wer diese Rechner benutzt, pornographischem Material auf Dauer kaum ausweichen. Sexuelle Begriffe sind die meistabgefragten bei allen Suchmaschinen, fast die Hälfte aller Viren- und sonstiger Schadsoftware, die in Firmen Unheil stiftet, gelangt huckepack auf Pornographie in die internen Netze, und wie viel Geld damit jährlich weltweit verdient wird, ist kaum zu schätzen - für die Vereinigten Staaten schwanken die Angaben zwischen drei und zehn Milliarden Dollar. Im Jahr 2007, als anlässlich diverser Debatten zur Sache viel Zahlenmaterial recherchiert wurde, fand die Medienplattform „Goodmagazine“ heraus, dass seinerzeit ungefähr zwölf Prozent aller Websites Pornographie anboten, 35 Prozent aller Downloads in diesen Bereich fielen und jeden Tag etwa dreihundert neue Pornoseiten online gestellt wurden.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Die netzgestützte Pornobranche ist das „stillste Big Business der Welt“ (David Slayden) - ein Wirtschaftszweig, bei dem der seit Ausrufung der New Economy ohnehin extrem strapazierfähige Begriff der Industrie alles vom Webcam-Hobbykerker bis zum Medienkonzernverbund umfasst. Die letzten Tabus, was Berührungsängste zwischen traditionellen Telekommunikationsanbietern und dem Pornosektor angeht, dürften vor rund fünfzehn Jahren gefallen sein, als die Produktionsfirma Vivid ihren Kabelsender Hot Network mit dem Telekomriesen AT&T ins Geschäft brachte.

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          Vivid lebt von der Nachahmung des klassischen Hollywood-Studiosystems samt Stars und Mainstream-Propaganda (der Name „Jenna Jameson“ etwa war eine Zeitlang in den Staaten auch den keuschesten Mormonen ein Begriff) - die Filme, die dieses Studio verkauft, erzählen noch (meistens dämliche, sich mühsam von einer expliziten Szene zur nächsten quälende) Geschichten. Damit erinnern sie auf bereits nostalgiefähige Art an Produktionen aus den Siebzigern, die heute auf netzgestützten Fan-Foren diskutiert und vom Mainstream-Kinofilm mit Hommagen eingedeckt werden - Filme wie „Behind the Green Door“ (1972), „Deep Throat“ (1972) und „The Devil in Miss Jones“ (1973).

          Die hatte man für Lichtspielhäuser produziert; es gab eine Art Drehbuch und eine Art Regie. Derlei löste sich schon während der Video-Ära der Achtziger, als Pornographie entscheidender Katalysator bei der Durchsetzung des VHS-Standards war, in einen unübersichtlichen Wildwuchs aus Amateurhandwerkelei und am Fließband gefertigten Reportage-Vortäuschungen auf. Was heute bei Netzinstitutionen wie Fapdu, Pornhub oder Youporn als „Porno 2.0“ daraus wurde, hat mehr mit Performancekunst, Sport oder Lifestyle-Pop zu tun als mit Kino - und ist wohl gerade deshalb interessant für Regieschaffende, die nicht einfach ein abendfüllendes Werk ans andere reihen wollen, sondern die Belastung spüren, die dem Kinoformat sowohl aus technischen als auch sozialen Gründen derzeit an die Substanz geht. So drehen sie Filme wie Patrice Chéreaus „Intimacy“ (2001), Michael Winterbottoms „9 Songs“ (2004) - und jetzt Lars von Triers „Nymphomaniac“.

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