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Internet-Hit „Reply All“ : Der vielleicht beste Podcast aller Zeiten

Bild: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Von der Hölle, wenn einem etwas auf der Zunge liegt, das nicht weggeht: „Reply All“ erzählt die Geschichte eines rätselhaften Ohrwurms. Und birgt auch eine Form der Ansteckungsgefahr.

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          Das Internet hat einen neuen Hit. Gut, er ist noch nicht sehr groß, verglichen mit den globalen Megahits vergangener Jahre, er hat kein lustiges Video, es gibt auch keinen komischen Tanz dazu. Und besonders neu ist er schon gar nicht. Aber dass es der Song „So Much Better“ überhaupt in die digitale Welt geschafft hat, dass er heute auf Spotify zu finden ist und man seinen Text auf Lyrics-Websites finden kann, ist eine derart rührende Geschichte, dass man eine eigene Liga für ihn schaffen müsste. In der aktuellen Folge des Podcasts „Reply All“ wird diese Geschichte erzählt – wobei „erzählt“ kaum noch das richtige Wort für die Art des Storytellings ist, die Alex Goldman und PJ Vogt betreiben, die beiden Moderatoren von „Reply All“. Aber der Reihe nach.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Begonnen hatte alles mit einem Ohrwurm im Kopf von Tyler Gillett, Filmregisseur aus Kalifornien und Hörer des Podcasts. Nach einer Party hatte Tyler diesen Song im Ohr, diesen fröhlichen Riesenhit aus den Neunzigern, so jedenfalls dachte er – bis er ihn seiner Frau vorsang. Die hatte ihn zu seiner Überraschung noch nie gehört. Als Tyler daraufhin im Internet danach suchte, fand er: nichts. Bis spät in die Nacht suchte er an diesem Abend erfolglos weiter. Auch in den Wochen darauf kam er der Lösung nicht näher, obwohl er sich nach und nach immer genauer an Melodie und Text des Songs erinnern konnte, an die Flöte am Anfang, an das Gitarrenriff, an unverwechselbare Textzeilen wie „You are better than the Venus De Milo in a g-string“; nur eben nicht an den Titel oder Interpreten. In seinem Kopf spukte eine Mischung aus dem Refrain herum, der ein bisschen nach dem Geheule von U2 klang, und einem stakkatoartigen Sprechgesang wie von der selbst eher vergessenen kanadischen Comedy-Rockband Barenaked Ladies. Schlimm genug. Tyler mochte den Song trotzdem, aber die Tatsache, dass er nicht auf dessen Titel kam, machte ihn verrückt. Oder, wie es Vogt im Podcast ausdrückt: „Er durchlebte die Hölle, dass ihm etwas auf der Zunge liegt, das einfach nicht weggehen wird.“

          Ein Trip durch die Wurmlöcher der Wikipedia

          Tylers letzte Hoffnung war der „Super Tech Support“, die beliebte Rubrik von „Reply All“, in der Goldman und Vogt sich wie ein existentialistischer Kundendienst jenen Mysterien des vernetzten Alltags stellen, für die technische Hotlines weder Verständnis noch Kompetenz haben: Warum weigert sich das Autoradio eines Mazdas, den Lieblingspodcast eines Hörers abzuspielen? Warum landen Menschen auf der Suche nach ihrem verlorenen Telefon regelmäßig in der Wohnung eines Pärchens in Atlanta? Dass es so ein Vergnügen ist, Goldman und Vogt dabei zuzuhören, wie sie versuchen, solche Fragen zu beantworten, liegt nicht nur am übertriebenen Aufwand, den sie dabei betreiben; aber daran liegt es auch: In der Folge mit dem wählerischen Autoradio etwa produzieren sie spezielle Fake-Podcasts mit Prominenten, um die unwahrscheinlichsten Fehlerursachen auszuschließen. Vor allem aber liegt es an der immensen interdisziplinären Neugier, die die beiden bei ihrer Suche nach Antworten immer wieder auf die überraschendsten Abwege führt, zu Fragen, die viel interessanter und ernsthafter sind als die trivialen Probleme, mit denen ihre Reise begann.

          In seinen besten Episoden ist „Reply All“ wie ein Trip durch die Wurmlöcher der Wikipedia, der Link für Link in die Abgründe von Wissenschaft oder Geschichte führt. In der Folge „Shipped to Timbuktu“ etwa führt sie eine fehlgeleitete Mail an einen „Keksberater“ zu kanadischen Pfadfinderinnen und von dort in ein chinesisches Internierungslager im Zweiten Weltkrieg. Mit dieser Mischung aus Unernst und Interesse an größeren Zusammenhängen hat es „Reply All“ zu einem der beliebtesten Podcasts der amerikanischen Podcast-Fabrik Gimlet Media gebracht. Mit der 158. Folge, „The Case of the Missing Hit“, haben Goldman und Vogt eine Folge geschaffen, die den „Guardian“ zu dem Urteil hinreißen ließ, dies sei „vielleicht die beste Folge eines Podcasts aller Zeiten“.

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