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Internet : Die Gedanken der anderen

  • -Aktualisiert am

Mancher Perlentaucher findet einen Schatz Bild: AP

Der Steuerzahler kommt dafür auf: Der „Perlentaucher“ ist auf einen Schatz gestoßen, den er umfassend vermarktet. Er macht das Interesse an den Zusammenfassungen der Gedanken anderer zu Geld. Ein Geschäftsmodell, das man grenzenlos ausweiten könnte.

          Unter den etwas schütteren Locken von Thierry Chervel steckt ein Kopf, der zweierlei kann: einerseits ein sympathisch zerstreuter Feuilletonist sein, dem Marcel Proust eine Angelegenheit des Herzens ist, andererseits ein kundiger Geschäftsmann, dem immer wieder neue Kniffe einfallen, mit ein und demselben Gut Geld zu verdienen: mit den aufgeschriebenen Gedanken anderer Leute.

          Chervel ist Gründer des „Perlentauchers“, der seit mehr als sechs Jahren das deutschsprachige Feuilleton durchstöbert und seine Beute anschließend nach Verwertbarkeit sortiert: Er vermarktet im Internet Zusammenfassungen von Feuilletontexten und verweist auf die jeweilige Quelle, ohne selbst zum Thema zu recherchieren. Hier ein bisschen „Heute aus den Feuilletons“, das „Spiegel Online“ mit Anzeigenplatz entlohnt, den der „Perlentaucher“ wiederum auf eigene Rechnung für Bücherwerbung verkauft; dort eine entsprechende Version in englischer Sprache (www.signandsight.com), für die die Bundeskulturstiftung eine sogenannte Anschubfinanzierung von 1,4 Millionen Euro Bundesmittel an die Perlentaucher GmbH zahlt.

          Keine nationalen Grenzen mehr

          Und dann ist da noch die eigene Website, auf welcher der „Perlentaucher“ das Interesse an den Zusammenfassungen der Gedanken anderer über Anzeigenkunden zu Geld macht. Und zum Glück kennt Deutschlands Bildungselite keine nationalen Grenzen mehr, so dass der „Perlentaucher“ sein Netz auch durch das europäische Feuilleton zieht: Da wird geguckt, was die anderen schreiben, auf Deutsch zusammengefasst und verkauft.

          Sogar die Bundeszentrale für politische Bildung ist Kunde beim Perlentaucher, wo seit Dezember 2005 der Newsletter „Eurotopics“ (www.eurotopics.net) im Auftrag entsteht. Bei dieser „werktäglichen Presseschau sichten Redakteure und Korrespondenten die wichtigsten Zeitungen aus 26 europäischen Staaten und wählen Meinungsartikel, Reflexionen, Essays und Kommentare aus. In ihren Beiträgen erklären sie in kurzen Einleitungen den Sachstand der Debatte und übersetzen einschlägige Zitate, beschreibt sich „Eurotopics“ selbst. Das kostet den Steuerzahler über das Budget der Bundeszentrale brutto 559.342,50 Euro allein fürs erste Jahr, der Vertrag läuft über 36 Monate. Für die letzten Monate stuft er sich deutlich ab. Die Rechnung dafür kann die Perlentaucher GmbH stellen, die in Zusammenarbeit mit dem „Courrier International“ in Paris den dreisprachigen Newsletter fertigt, für den sich nach Angaben der Bundeszentrale 9000 Menschen interessieren.

          Die wichtigen Leute bekommen

          Legt man den Preis für diesen Newsletter um, kostete „Eurotopics“ 62,15 Euro pro Abonnent im ersten Jahr, zuzüglich mehrmonatiger Anlaufkosten. Das ist fast die Größenordnung für ein Halbjahresabo des „Spiegels“.

          Dieser Überschlag ist simpel, aber naheliegend. Nicht so für Thorsten Schilling von der Bundeszentrale für politische Bildung, der wie Thierry Chervel zu den Berlinern gehört, die sich in Schwarz kleiden. Schilling hat wohl das, was man einen Traumjob nennt. Und er muss dabei nicht so auf das Geld achten. Bei seiner Arbeit an den Online-Projekten der Bundeszentrale, die „auch so wie ein Verlag funktioniert“, schaut er aus dem Fenster seines riesigen Büros im historischen „Deutschlandhaus“ auf den Anhalter Bahnhof.

          Gefragt danach, wie der Erfolg von „Eurotopics“ bewertet wird, mittels einer angestrebten Abonnentenzahl etwa, sagt Schilling Sätze wie diesen: „Ich bin kein Zahlenfetischist. Wichtig ist, dass man die wichtigen Leute bekommt. Uns geht es auch darum, eine Feedback Community aufzubauen.“ Die Bundeszentrale will sich europäisch vernetzen, sucht den Draht zu Multiplikatoren in Wien, Paris und Warschau. Schilling sucht nach etwas, das er „europäische Öffentlichkeit“ nennt, ein wertvolles Gut: „Die Kosten für ,Eurotopics' sind ja enorm, auch wenn es nur ein Ausschnittdienst ist. Aber unser Haus hat diesen Preis in Kauf genommen, weil uns Europa als Thema strategisch so wichtig ist. Da lohnt es sich, ins Risiko zu gehen und so eine Summe anzufassen.“

          Der hohe Anspruch dahin

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