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Institut für Rundfunktechnik : Phönix aus der Asche?

Wohin genau? Das ist nun die große Frage beim IRT. Bild: Picture-Alliance

Das von den öffentlich-rechtlichen Sendern getragene Institut für Rundfunktechnik ist eigentlich am Ende. Denn alle Gesellschafter haben gekündigt. Nun liegt der Geschäftsbericht für 2019 vor. Er zeigt: Die Technikschmiede hat noch Pläne.

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          Als man zuletzt vom Institut für Rundfunktechnik (IRT), dem von den öffentlich-rechtlichen Sendern getragenen Technik-Labor in München, hörte, sah es düster aus. Ein langer Patentrechtsstreit mit dem italienischen Vermarkter Sisvel und einem Münchner Anwalt, initiiert vom Justitiariat der Sitzanstalt Bayerischer Rundfunk, hatte zu wenig gebracht: Die via Klage gegenüber Sisvel geforderten zweihundert Millionen Euro für die Vermarktung der Mpeg-Patente wies das Landgericht Mannheim zuletzt vollständig ab. Mit dem Münchner Anwalt einigte sich das IRT auf einen Vergleich und bekam auf diesem Wege sechzig Millionen zugesprochen. Der Streit dauert Jahre. Jahre, in denen niemandem auf IRT-Seite etwas aufgefallen sein soll.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Im vergangenen Dezember sprangen dann überraschend alle Gesellschafter des IRT ab. Die ARD stemmt 80,8 Prozent der Zuschüsse zum Budget, das ZDF 14,4, das Deutschlandradio 3,2 und der ORF sowie die Schweizer SSR 0,8. Das Ende einer innovativen, aber offenbar fahrlässig geführten Institution steht im Raum. Und diejenigen, die daran zum Teil nicht ganz unschuldig waren, verlassen das Schiff. Mit der Kündigung der Gesellschafter zum Jahresende 2020 habe man nicht gerechnet, sagte IRT-Pressesprecher Thomas Schierbaum seinerzeit. Zumal man sich auf einem „guten Weg“ gesehen und einen Teil des erstrittenen Geldes eigens zur Entlastung der öffentlich-rechtlichen Sender eingesetzt habe. Diese stehen unter dem Druck, von der Politik geforderte Einsparungen zu erzielen.

          Nun hat das IRT seinen Jahresbericht 2019 veröffentlicht, und der soll die Hoffnung nähren, dass es noch nicht zu Ende ist. So beginnt das Vorwort der Geschäftsführer Michael Hagemeyer und Jochen Mezger mit dem Stichwort „permanente Verbesserungen“. 2019 sei das IRT neu ausgerichtet worden, „um mit einem zukunftsfähigen Aufgaben- und Leistungsspektrum den Mehrwert für die Gesellschafter zu steigern“. Trotz der überraschenden Kündigung der Gesellschafter werde „intensiv“ am Erhalt des IRT gearbeitet. Doch werde das Institut einer Schrumpfkur unterzogen: „Abhängig von der Anzahl der verbleibenden Gesellschafter und deren Finanzierungsmöglichkeiten würde sich in diesem Fall das IRT bzgl. Mitarbeiteranzahl und Themenvielfalt anpassen.“

          Alles hängt von den Entscheidungen der Gesellschafter ab

          Auf Nachfrage, wie das konkret aussehen könnte, heißt es, derlei „Fragen sind abhängig von den Entscheidungen der Gesellschafter und können von uns derzeit nicht beantwortet werden“. In den Geschäftszahlen sieht es so aus: An Erträgen nahm das IRT im Jahr 2018 durch die mehr als 60 Millionen aus dem Patentrechtsstreit insgesamt 84,397 Millionen ein. Dem standen Aufwendungen von 61,364 Millionen gegenüber, von denen mit 49,528 Millionen der Löwenanteil Personalkosten waren. Von denen ging wiederum ein Großteil an Ingenieure, die einst an der Entwicklung der Mpeg-Audiopatente beteiligt war. 2019 fällt mit Erträgen von 16,635 Millionen Euro gegenüber Aufwendungen von 24,182 Millionen alles etwas bescheidener aus. Das Personal wurde von 120 auf 108 Mitarbeiter reduziert.

          Anhand der laufenden Projekte wird deutlich, dass das IRT in Sachen Entwicklung von Rundfunktechnikstandards weiterhin ein Wörtchen mitzureden hätte – wenn der Neuanfang gelingt. Man arbeitet an einem Rundfunk-Netz auf 5G-Technologie, an der Hybrid-Radio genannten Verquickung von linearen und personifizierbaren Radio-Diensten, der Barrierefreiheit von „immersiven Medien“ wie VR-Technologie und an einer Datenbank, die die komplette Wertschöpfungskette einer Bewegtbildproduktion intelligent vernetzt, indem sie Daten verlustfrei speichert und deren Metadaten untereinander verbindet, so dass am Ende die unterschiedlichen Programme der einzelnen Produktionsschritte über die Datenbank miteinander kommunizieren können.

          Interessant sind darüber hinaus Pläne für eine europäische Medienplattform, die amerikanischen Netzwerken vor allem durch transparenteren Umgang mit Nutzerdaten ausstechen will. Man bringe, heißt es, seine „Architekturvorschläge in die seit Ende 2019 angelaufenen Planungsgespräche für eine offene europäische Medienplattform ein“. Im Kampf gegen manipulierte Medieninhalte, Bilder und Videos, arbeitet das IRT zudem gemeinsam mit BR Data, Report München, Bellingcat und mehreren NDR-Ressorts an einem K.I.-gestützten Werkzeug, dessen Code öffentlich zugänglich sein und das Journalisten bei Online-Recherchen unterstützen soll, indem es Bilder, Texte, Audio- oder Video-Dateien automatisch im Browser speichert und prüft. Ob all das Wirklichkeit wird, hängt jedoch davon ab, ob den scheidenden Gesellschaftern ernsthaft daran gelegen ist, das Institut auf ein stabiles Fundament zu stellen – und ob man bereit ist, aus vergangenen Fehlern zu lernen.

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